Die Wirklichkeit denkt sich Märchen aus. Frösche werden groß wie vordem die Prinzen, Farnwälder wachsen uns über die Köpfe, Menschen vertieren, und die Erde wirft Blasen.

Da zieht Hans im Pech aus, das Gruseln zu lernen, unterwegs jedoch trifft er auf Artgenossen: den furchtsamen Itai, den Einsiedler Kuckuck und die Prinzessin Bjuti. Alle sind sie ausgestoßen worden von den Ihren, weil sie unbrauchbar wurden oder gar ansteckend, und nun liegen sie vor den Stadtmauern im Abfall, bergen sich unter Schrott wie Kuckuck, der sich eingewühlt hat in einen Iglu aus alten Schuhen, über sich den Regenschirm gespannt: zugleich armer Poet und Becketts Winnie; oder sie vegetieren vegetarisch unter den Blattdächern eines genetisch verwilderten Riesenampfers: Alice im Wunderland, Prinzessin unter der Erbse, von Strahlenkrankheit halb zerfressen. Und der Held, Checker mit Namen, heißt sie alle mitkommen, denn was Besseres als den Tod fänden sie überall.

Nach Xanten geht die Reise auf dem deutschen Rhein, ein Floß haben sie auch schon, vorbei am verglimmenden Mainz, am wild schießenden Bonn, am rauchenden Kölner Dom – auf, meine wackeren Argonauten, auf ins gelobte Land Xanten, zurück in die Obhut der Nibelungen, in die strahlungsfreie Zone, das Schlaraffenland voll Trinkwasser und Atemluft!

Alle vier – auch das gehört zum rechten Märchen – haben eine ganz bestimmte, nur ihnen eigene Fähigkeit: Checker besitzt ein Netz, das er über den Feind werfen kann, sowie ein Messer zum Stechen und ein Blutzapfgerät zum Prüfen der Verseuchung. Itai besitzt zuviel Kadmium im Körper, so daß er schrumpeln kann, und außerdem hat er die zehn neuen Gebote in seine Haut geritzt, weshalb er stets gehorsam dumm geblieben ist. Der alte Kuckuck weiß alle Vogelstimmen aus Olims Zeiten, als es Vögel noch gab, und Bjuti kann Gedichte und überhaupt die alte Sprache, ein Gewebe aus kompletten Sätzen und verschieden klingenden Wörtern, während man doch längst in Brocken und Slang-Kauderwelsch Laut gibt; wir haben hier zwei offenbar Versprengte aus der Fahrenheit-451-Kolonie.

Märchen sind oft grausam, voll von Stiefmüttern, bösem Zauber, abgehackten Köpfen und glühenden Schuhen. Als unsere vier Helden, nach mannigfachen Fährnissen, Zänkereien und Qualen und freilich auch nach Wiederentdeckung menschlicher Gefühle wie Zuneigung und Mitleid, endlich Xanten am Rheinufer hochsteigen sehen und als sie röchelnd jubeln wollen, da geht ein Hagel von Geschossen über ihr Floß nieder, so daß sie, halbtot von Krankheit und Durst, weitertreiben müssen ins offene Meer: Exodus.

Fünfzehn Jahre vor dem "Totenfloß" hat Harald Mueller schon mal ein Märchen für geschundene Kinder im Überlebenskampf geschrieben. Da spielten die Kids Indianer, stahlen sich ihr Leben von der Hand in den Mund, und um sie her waren die Gesetze der Wildnis. Wolfsmäßig war ihr Kriegsgeheul, zum Bangemachen und als Ständchen; sie nannten es den "Großen Wolf" – und so hieß auch das Theaterstück, das 1970 im Werkraum der Münchner Kammerspiele uraufgeführt wurde durch einen jungen Regisseur: Claus Peymann (Bühne Karl-Ernst Herrmann, mit Giskes, Lüttge, Dieter Laser, Rüdiger Hacker und Hans Diehl – kein schlechtes Ensemble).

Die Kritik pries Peymanns rabiat ins Grand Guignol stoßenden Zugriff und tadelte zugleich, daß er "das Stück" nicht gezeigt habe: "Die Situationen wurden kaum klar, der um die Hälfte gestrichene Dialog wurde unsinnig und beiläufig, an die Stelle beziehungsvoller Äußerungen trat beziehungsloses Action-Theater. Peymann erzeugt fabelhaften Lärm; es ist immer was los – nur kaum je das Stück." (Joachim Kaiser in "Theater heute")

Ein halbes Jahr später, gleicher Ort: Werkraumtheater, die nächste Uraufführung, Muellers "Halbdeutsch", ein Stück für fünf große Kinder, die im Obdachlosenasyl gestrandet sind und ebenfalls mehr aus Reflexen denn aus Reflexionen leben; Regie: Karl Paryla. Und wieder fand die Kritik, die Aufführung verfehle das Stück, diesmal auf die altbacken-nette Weise.

Und jetzt, beim "Totenfloß" – wieder verfehlt? Es gibt für die Stuttgarter Aufführung den Regisseur Henning Rühle, den Choreographen Johann Kresnik, für "Körperarbeit" extra noch Lajos Kovacs, den Komponisten Heiner Goebbels, den Bühnenbildner Mathias Fischer-Dieskau und den Kostümentwerfer Klaus Arzberger. Gut und teuer das alles, quasi auf Nummer Sicher. Aber wie das auch bei deutschen Fernseh-Diskussionen oft mißrät, weil, um ja kein Loch zu lassen, allzu viele eingeladen werden, die dann Leerlauf produzieren, weil jeder mal drankommen will, so war auch hier zu spüren: Die Phantasien waren verteilt worden unter viele, jeder steuerte bei, niemand packte zu.

Die Dekorationen sind aus einer modernen Oper: ein Breitwandacker aus Schrott und Gummileichen, dahinter die glatte Stahlmauer der Stadt, die ihre verseuchten Kinder hier hinspeit ins Schuttglacis. Das Floß ist aus glatten, sauberen Hartholzplatten und bedeckt, zentral vertäut, die halbe Bühne; Bjutis Heimstatt immerhin entdeckt man unter übermannshohen Ampferblättern, aber auch diese ragen als japanisch stilisiertes Gesteck aus den Kulissen auf eine leer-wüste Bühne, opernhaft. Projektionen lilaflammender und schwefeliger Himmel wechseln im Hintergrund; Wolkenfetzen, gasige Schleier, Blitzentladungen: schöne Prospekte – davor die vier Unseligen, von "Körperarbeit" und Choreographie über die Bühne und übereinander geworfen, vom Kostümbildner zu gefährlichen Insekten und zertrümmerten Tü-Tü-Püppchen gestylt und mit einer Kunstsprache aus englisch-deutschen Code-Brocken begabt: "Checker", sagt etwa Bjuti, "du fuckst mein Drain no more, never"; aber es kommt nichts vom Schrecklichen über die Rampe. Halbnackt, blutig zerschlissen, brüllend oder keuchend wälzen sich Anne Bennent, Waldemar Schütz, Michael Mendl und Herbert Fritsch durch Styropor, Plastik und Hartfaser, besabbern sich und sind am Krepieren; es wird ein genetisch entarteter Kinderklumpen geboren und zuvor öffentlich gezeugt in wüstem Gemeng – aber es bleibt allemal überschaubares Operntheater ohne Musik.

Die alle paar Minuten aufplatzenden Schnarr-Akkorde aus Himmelshöhen, die bei unseren Vieren spontanes Gliederreißen bewirken, sollte man aus Muellers Stück’streichen; beläßt man sie aber, müssen sich dabei mindestens Himmel und Erde verfinstern, wie von einer Atomwolke mit apokalyptischen Reitern darin.

Sicher, "Totenfloß" spielt ums Jahr 2050, nach der anzunehmenden Totalverseuchung unserer Welt, wenn Kadmium und Cäsium einander übertrumpfen beim Zerstören, wenn Blei die Luft, Quecksilber das Wasser und Atomstrahlung unsere Erde vergiftet haben; daraus nun aber ein Endspiel zu stilisieren, beweist nur, daß Beckett stärker ist. Mueller aber hat ein Kindermärchen geschrieben, von Bjuti und ihren Freunden im Wunderland. Hiroshima-Zitate und Tschernobyl-Berichte im Stuttgarter Programmheft führen nur ins Banale. Die Wirklichkeit ist ein Märchen, die Märchen werden endlich Realität.

Fast zwanzig Bühnen wollen jetzt das "Totenfloß" spielen. Hoffentlich nicht nur wegen der Geschichte vom Sterben nach dem Knall, sondern auch, weil nun die Weihnachtszeit naht: das Fest der Kinder. Michael Skasa