Wer kennt sie nicht – unsere lieben Oberlehrer mit Hut im Auto? Diese rührigen Zeitgenossen, die in stiller Selbstjustiz für Recht und Ordnung auf unseren Straßen sorgen, wenn auch nicht unbedingt für mehr Sicherheit. Wir schrecklichen Rowdys hingegen düsen ja ganz gern auf gut ausgebauten und wenig befahrenen Landstraßen ein paar Stunden-Kilometerlein mehr als nur die einhundert, die uns die Straßenverkehrsordnung erlaubt.

Szene unter freiem Himmel. Zwei Autos. Komfortable Schnellstraße. Erstes Auto fährt stur 100. Zweites Auto will irgendwann überholen. Kommt schnurgerade Wegstrecke, kein Gegenverkehr. Auto zwei zieht auf die linke Spur, Fahrer gibt Gas. Der im ersten auch. Umgehend. Ist nichts mit Überholen. Es naht schon Gegenverkehr. Zweites Auto reiht sich wieder hinter das erste. Dessen Fahrer geht sofort wieder vom Gas, fährt wieder stur Tempo Hundert. Zweiter Versuch des Überholens. Ergebnis: siehe oben. Dritter Versuch: siehe oben.

Fahrer Nummer zwei geht nun nicht aufs PS-Ganze, sondern zur Polizei – Anzeige gegen Fahrer eins wegen Nötigung. Jawohl, sagen in der dritten Instanz die Richter, das sei Nötigung. Doch: „Wurde hier nicht mit Kanonen auf Spatzen geschossen?“ fragte letzte Woche unsere ZEIT-Juristin zum „Recht im Alltag“. Ja, sie schilt sogar, die Richter hätten den „strafrechtlichen Gewaltbegriff“ „durch drei Instanzen“ „strapaziert“.

Einspruch, Euer Ehren. Einspruch – und eine kleine Selbstanzeige. Verjährung macht’s möglich. Seit sechs Jahren fahre ich Motorrad, sommers wie winters, insgesamt an die 90 000 Kilometer, unfallfrei. Es bedarf keines Zebrastreifens, damit ich anhalte, wenn alte Damen und humpelnde Herren eine Straße überqueren wollen. Ich rase auch nicht gern auf der Autobahn, weil mir die 160, die mein gutes deutsches Motorrad auf den Asphalt bringt, ohnehin zu viel sind.

Außerdem sind unsere Bundesstraßen zum Teil besser und sicherer ausgebaut als anderer Länder Autobahnen. Man kriegt mehr von der Natur mit, erlebt unser schönes altes Deutschland hautnah. Warum soll ich da, selbstverständlich vorausgesetzt, die Verkehrsverhältnisse und der Straßenzustand erlauben es, nicht zwischendurch auch mal 115 fahren? Ich riskiere damit ein Verwarnungsgeld von 40 Mark. Das ist doppelt soviel wie jemand zahlen darf, der „als Überholter“ seine Geschwindigkeit erhöht. Allerdings: In schweren Fällen muß der sogar mit 60 Mark Bußgeld und einem Punkt in der Verkehrssünderkartei rechnen.

Auf die rührenden Volkserzieher, die mein Schnellfahren zu verhindern nötigen, kann ich gern verzichten. Wie gut und bieder sie es auch immer meinen – sie provozieren die riskantesten Überholmanöver, die nicht nur sie selbst und den .Überholer gefährden, sondern auch völlig unbeteiligte Dritte: die gerade entgegenkommen oder weiter hinten folgen.

Dem, der rechthaberische Erfolgserlebnisse benötigt, seien daher dringend ungefährlichere Betätigungsfelder empfohlen: Bitte, photographieren Sie doch die Leute, die bei Rot an der Ampel vorbeilaufen, und zeigen Sie die bei der Polizei an. Oder laufen Sie mit einem dicken Notizblock durch die Straßen und schreiben alle Falschparker auf. Das ist, in aller Regel jedenfalls, wenigstens nicht lebensgefährlich. Klaus Pokatzky