Von Gunter Hofmann

Es ist ja, wenn man ehrlich ist, über Horst Ehmke schon so ziemlich alles geschrieben worden. Das kann auch gar nicht anders sein, er tummelt sich nun auch schon einige Jahre in der Welt der Politik. Unzählige Porträts erklären genau, wie er ist und wie er tickt, kein Klischee ist ihm erspart worden, wobei man hinzufügen muß, daß manche davon ihn natürlich auch richtig treffen.

Früher, als er noch was werden konnte und wollte, quollen die Archivmappen über Horst Ehmke geradezu über. Ehmke, der Reformprofessor aus Freiburg, der Gustav-Heinemann-Freund, der junge Justizminister, gerade 42 Jahre alt, der Chef des Kanzleramts, der Forschungsminister, Ehmke, der Tausendsassa, Ehmke überall.

Inzwischen hat sich das ein bißchen geändert, kein großes Thema, zu dem er nicht Stellung nähme oder Stellung nehmen könnte, oft genug auch hörens- oder bedenkenswert, aber andererseits ist es auch so: Er scheint so sehr zum vertrauten politischen Inventar zu gehören, daß man gar nicht mehr groß hinsehen muß. Kein Porträtbedarf also.

Er ist der Mann, der am Abend der Wahlen in Bayern oder in Niedersachsen mit den inneren Zirkeln der SPD, meist in einem Hinterzimmer des Erich-Ollenhauer-Hauses, darüber berät, was man aus dem Fiasko im Süden und dem halben Erfolg im Norden folgern und was man dazu erklären soll. Er ist nicht der Mann, der als erster das Resultat verkündet. Er ist der Mann, der wie selbstverständlich zur fünfköpfigen Wahlkampfleitung – WLK im Bonner Jargon – seiner Partei zählt, die sich die schwierige Aufgabe vorgenommen hat, Johannes Rau zum Kanzler zu promovieren und auch die Begründungen dafür zu liefern. Er ist nicht der Mann, der dabei öffentlich den Ton angibt. Wenn der stein einen Disput zwischen Sozialdemokraten und Christdemokraten inszenieren möchte, der sich wenigstens lesen läßt, fallen ihm Lothar Späth und Horst Ehmke ein. Wenn das Parlament über Südafrika oder das Haus der Geschichte, über Eureka und den Erstschlag oder über das Scheitern der Gipfelgespräche in Reykjavik debattiert – ein schwarzer Sonntag für die Menschheit, urteilt er niedergeschlagen –, ist das seine Stunde. Wenn die Grundsatzkommission der SPD sich den Kopf darüber zerbricht, ob Deutschland eine „Kulturgesellschaft im Kulturstaat“ sei, wie Erhard Eppler das etwas aufwendig formuliert, dann kommt die Replik natürlich von Horst Ehmke, der auch in der Runde sitzt.

Trotzdem, irgendwas an Horst Ehmke macht immer noch neugierig, soviel man auch von ihm kennt. Man kennt zum Beispiel die Unrast und auch die Lust am Wort, manche nennen es „große Klappe“. Tja, ist ja auch wahr, das weiß man doch, daß immer dann, wenn man gerade eines seiner Worte auf die Goldwaage legen will, Horst Ehmke soeben selber das Gegenteil des Behaupteten verkündet. Er schlägt gern ideologische Schneisen, er spitzt gern zu, aber es ist nicht immer so pointiert gemeint, wie es klingt; und schon gar nicht immer ist es für Ewigkeiten gedacht.

Opportunismus, heißt es dann, eine Kritik, die ihn insbesondere aus den Reihen seiner Partei heraus ereilt. Ein bißchen freundlicher ist in den vielen Porträts von der ewig „schillernden Position“ Horst Ehmkes die Rede. Zugegeben, gerade dahinter verbirgt sich ja, was erst neugierig macht.