Eine Arbeitsgruppe aus Mitgliedern der SPD-Bundestagsfraktion und Vertretern der SED, darunter dem Politbüro-Mitglied Hermann Axen, hat Grundsätze für einen von Atomwaffen freien Korridor vorgelegt. Für die SPD war Egon Bahr an den Gesprächen mit den DDR-Politikern führend beteiligt.

ZEIT: Reykjavik hat gezeigt, daß die beiden Weltmächte ihr tiefsitzendes gegenseitiges Mißtrauen bei den großen Vernichtungssystemen noch nicht überwinden können. Welche Chancen geben Sie dann Ihren Vorschlägen, die sich sogar bis in den konventionellen Waffenbereich erstrecken?

Bahr: Die Brücke zwischen Mittelstreckenwaffen, Kurzstreckenwaffen und konventionellen Waffen muß geschlagen werden. Das haben wir getan. Die Supermächte haben Aussichten eröffnet, wir auch.

ZEIT: Schwebt Ihnen sozusagen ein umgekehrter Weg vor – von den „kleineren“ nuklearen Waffen hin zu den größeren Systemen?

Bahr: Selbst wenn die beiden Großen sich über ihre interkontinentalen Systeme und SDI nicht einigen können, hat es einen Eigenwert für Europa, Mittel- und Kurzstreckenwaffen zu beseitigen und konventionelle Stabilität zu erreichen.

ZEIT: Eine „Stunde der Europäer“, die Gelegenheit, eigenständige Positionen zu entwickeln?

Bahr: Eigenständig ist ein großes Wort. Wir befinden uns nicht in einer Oase. Die Rolle der beiden Supermächte bleibt überragend. Aber es liegt selbstverständlich im Interesse der Europäer, ihre eigenen Auffassungen zu formulieren und Vorschläge zu entwickeln, um größere Stabilität zu erreichen und damit auch den beiden Weltmächten das Geschäft zu erleichtern. Ich finde, das ist sogar die Pflicht, jedenfalls das Recht der Europäer.