Im internationalen Hotel mag jeder so essen, wie er es gelernt hat. Bei Restaurantbesuchen oder gar bei Einladungen im Haus Einheimischer kann freilich manche Komplikation auftreten, wenn man die Gepflogenheiten des Landes nicht kennt.

Die geringsten Unklarheiten treten dort auf, wo mit Stäbchen gegessen wird. Dies gilt insbesondere für China und Japan. Da vollzieht sich lediglich der Ablauf einer Mahlzeit anders als bei uns. So werden in japanischen Restaurants aufeinanderfolgende Gänge serviert, während Chinesen, ähnlich wie es bis zur Mitte des vorigen Jahrhunderts in Europa üblich war, schubweise ein buntes Gemisch von Speisen auf den Tisch bringen. Daß Eßgerät besteht in beiden Fällen aus Stäbchen, die aus verschiedenem Material hergestellt sein können und sich im Wert ähnlich unterscheiden, wie einfaches Blechbesteck von Tafelsilber.

Man wird es einem Europäer nicht gerade verübeln, wenn er nicht mit Stäbchen ißt. Doch entstehen dadurch leicht Komplikationen, die man besser vermeidet, indem man sich schnell auf den Gebrauch von Stäbchen einstellt. Dabei ist es sehr viel leichter, mit chinesischen, erheblich längeren Stäbchen zu essen, als mit kurzen, spitz zulaufenden japanischen Eßwerkzeugen. Japaner benutzen zum Kochen und zum Vorlegen zwar auch lange Stäbchen, doch niemals zum Essen. Im Gegensatz zu den Chinesen kennen sie auch keinen Löffel, da man Flüssigkeiten aus der Eßschale trinkt und dann die verbleibenden festen Substanzen mit Stäbchen aufnimmt. Bei Chinesen hat man es insofern einfacher, als sie für die Suppen, die immer am Schluß einer Mahlzeit stehen, einen Porzellanlöffel benutzen. Wer fertiggegessen hat, legt die Stäbchen parallel und dicht nebeneinander auf einen kleinen Holz- und Porzellansockel, der unserem Messerbänkchen entspricht.

Essen im privaten Kreis können in Japan und China sehr lange dauern. Denn es gehört ebenso zur Höflichkeit, immer wieder etwas aufzutragen, wie sich stets etwas vorlegen zu lassen. Versiegt der Nachschub allmählich, ist das gewöhnlich auch das Zeichen zum Aufbruch. Der Tisch ähnelt dann nicht Selten einem Schlachtfeld, da bei der Vielzahl von Schälchen mit Gerichten leicht das eine oder andere überkleckert. Als Europäer braucht man sich, falls einem solches passiert, keineswegs zu genieren. Auch diverse Laute des Wohlschmeckens sind durchaus nicht anstößig.

In allen einheimischen Küchen Südostasiens werden einem auch nicht selten Speisen serviert, vor denen sich manch Mitteleuropäer erschrocken abwendet – sofern man ihn vorher darauf aufmerksam gemacht hat. Am besten, man fragt den Gastgeber erst gar nicht, was da auf dem Teller liegt. Denn es ist schicklicher, etwas stehen zu lassen, als etwas abzulehnen,

Aus hygienischen Gründen ist Zurückhaltung bei rohen Blattpflanzen und rohen Shrimps geboten. Roher Fisch, Muscheln und Seeigel dagegen gehören zu den Delikatessen und haben inzwischen auch in Deutschland im Zuge der Japan-Welle Freunde gefunden. An Enten-Embryos freilich, die zu den philippinischen Köstlichkeiten gehören, dürfte man hierzulande kaum Gefallen finden.

Holger Hofmann