Zum Gebet für den Frieden, das größte Weltproblem, haben sich – als ihren kleinsten gemeinsamen Nenner – zum ersten Mal in der Geschichte fast alle Religionen demonstrativ vereint.

Oberhäupter von vierunddreißig nicht-christlichen Glaubensgemeinschaften und zweiunddreißig Kirchenkonfessionen und Sekten der gespaltenen Christenheit folgten der theologisch-diplomatisch feingesponnenen Einladung des Papstes, um am letzten Montag (nicht am Freitag der Moslems, am Sabbat der Juden oder am Sonntag der Christen) in Assisi nicht etwa „zusammen zu beten“, sondern „zusammenzukommen“, um dann getrennt an zwölf verschiedenen Stellen des italienischen Wallfahrtsortes ihren Gott anzurufen, ihre Götter oder auch nur „eine Realität jenseits von uns“, wie der Papst undoktrinär formulierte.

Bei der Schlußbegegnung vor (nicht etwa in) der Basilika San Francesco forderte Johannes Paul II. die „führenden der Nationen“ dazu auf, unermüdlich Dialog-Strukturen zu schaffen, damit die „dramatische Herausforderung unserer Epoche: wahrer Friede oder katastrophaler Krieg“ bestanden werde, doch wollte er das Ereignis betont unpolitisch zelebrieren. Auch ohne „Konzessionen an religiösen Relativismus“, den freilich diese Begegnung nicht nur optisch aufdrängte, sondern auch durch manches gute Wort des Gastgebers. Mehrmals unterstrich er den „Respekt und Gehorsam“ gegenüber dem eigenen Gewissen als etwas allen Gemeinsamenes. Und wie kaum je zuvor kehrte er auch vor der eigenen Tür: „Wir Katholiken sind nicht immer Friedensstifter gewesen.“

So erlebte man – in gemeinsamer friedlicher Runde gleichen Ranges sitzend – den Papst neben dem buddhistischen Dalai Lama, dem anglikanischen Erzbischof von Canterbury und dem russisch-orthodoxen Metropoliten von Kiew, mit dem jüdischen Oberrabbiner von Rom und dem islamischen Scheich aus Marokko, mit der Vizepräsidentin des Lutherischen und dem Präsidenten des Reformierten Weltbundes, mit den indischen Oberpriestern des Zarathustra-Kultes, des Hinduismus und der Sikhs; da waren die Generalsekretäre von Methodisten, Baptisten und Quäkern vereint mit den orthodoxen Metropoliten aus Finnland und der Tschechoslowakei, mit langbärtigen Kirchenfürsten aus dem sowjetischen Armenien und aus Georgien, mit barfüßigen afrikanischen Animisten und federgeschmückten indianischen Medizinmännern aus Nordamerika, die am Ende feierlich ihre Friedenspfeife entzündeten. Es war der einzige Weihrauch des Tages.

„Unser Gebet sollte auch Reue enthalten für die Versäumnisse der Christen“, sagte der Papst, als diese in der Kathedrale unter sich waren, vereint unter dem Kreuz, in dessen Zeichen einst Kriege gegen Anders- und Ungläubige geführt wurden. Jetzt schien sie nur der Geist jenes Franz von Assisi zu leiten, der jedes Menschen Bruder sein wollte. Vor seiner Grabeskirche wehte eine Gebetsfahne aus Nagasaki. Fromme Folklore? In unserer Epoche der Massenmedien können symbolische Gesten vielleicht nur so noch Kraft gewinnen.

Hansjakob Stehle (Rom)