Von Marie-Luise Hauch und Michael Fleck

Die französische Provinzzeitung Dernières Nouvelles d’Alsace wollte für alle Fälle gerüstet sein. Um den Zug in die neue Medienzeit nicht zu verpassen, bot sie den Lesern schon Bildschirmtext (Btx) über ein eigenes Rechenzentrum an, als die französische Post Anfang 1980 gerade die ersten Versuche mit ihrem System, Teletel genannt, startete. Straßburger, die sich das Empfangsgerät Minitel besorgten, konnten damit fortan aktuelle Nachrichten, Sportergebnisse und Anfangszeiten von Kino oder Theater abrufen.

Die Resonanz war jedoch kläglich. Das Rechenzentrum, liebevoll Gretel getauft, dämmerte vor sich hin. Bis den Betreibern der Zufall zu Hilfe kam. Findige Computerfreaks knackten den Code eines betriebsinternen Programms, das eigentlich nur für die Techniker der Anlage bestimmt war, und funktionierten es um. Plötzlich war bei Gretel der Teufel los. Statt sich, wie von den Planern vorgesehen, mit vorgegebenen Informationen zu begnügen, fütterten die Benutzer Gretel mit eigenen Mitteilungen an andere Minitel-Teilnehmer.

Der Coup machte Schlagzeilen. Auch Computerneulinge fanden Spaß an dem neuen Gesellschaftsspiel und tippten munter ihre Nachrichten ein. Vorkenntnisse brauchten sie dafür nicht, denn Minitel ist nichts anderes als eine elektronische Schreibmaschine mit Bildschirm, die über ein normales Telephon mit der Außenwelt in Verbindung treten kann. Der Boom wurde noch dadurch gefördert, daß die französische Post die Geräte kostenlos an Interessenten abgab.

Der Leiter des Rechenzentrums, Michel Landoret, schaltete schnell. Gemeinsam mit seinen Softwarespezialisten paßte er das System der völlig unerwarteten Entwicklung an und kreierte die erste offizielle Messagerie. Das Wort, ursprünglich der französische Ausdruck für Transportunternehmen, ist seither zum Schlüsselbegriff für den einzigartigen Erfolg von Teletel geworden: Mittlerweile nutzen Zigtausende Franzosen täglich das neue Informationssystem. Ihre Auswahl ist groß. Denn neben Gretel bieten inzwischen mehr als 2000 Firmen Programme über Teletel an.

Während sich Bildschirmtext nicht nur in der Bundesrepublik, sondern ebenso in Großbritannien und selbst in den USA bisher als Flop erwies, blüht das Geschäft in Frankreich mit dem neuen Medium. „Endlich paart sich französisches Genie mit wirtschaftlichem Erfolg“, bejubelt die konservative Tageszeitung Le Figaro das Phänomen. Für dieses Jahr rechnen Experten mit einem Umsatz von umgerechnet rund 610 Millionen Mark. Der Benutzer zahlt eine Gebühr, gleichgültig, welches Programm er wählt. Die Rechnung bekommt er zusammen mit der Telephonquittung. Die Post behält ein Drittel, den Rest überweist sie entsprechend den jeweiligen Anschlußzeiten den Anbietern der Programme. Den Löwenanteil kassieren diejenigen, die Kontakte zwischen Teilnehmern vermitteln und – immer stärker vertreten – die Produzenten von elektronischen Spielen. Rund siebzig Prozent des gesamten Minitel-Verkehrs von 1,5 Millionen Stunden entfielen im vergangenen Jahr auf diese Sparten.

Den Ingenieuren der französischen Post war bei der Auswertung der ersten Versuche klargeworden, daß komplizierte Zugangsverfahren zu den Programmen auf viele abschreckend wirken. Um für Anbieter und Benutzer die Bedienung so einfach wie möglich zu machen, installierten sie den „Kiosk“. Im Gegensatz zu anderen Programmen braucht man weder eine persönliche Kennummer noch einen Geheimcode, um die im „Kiosk“ gespeicherten Informationen abzurufen. Es genügt, eine bestimmte Telephonnummer zu wählen und das Kürzel des Anbieters einzutippen: „libe“ steht beispielsweise für die Tageszeitung Liberation, „obe“ für das Magazin Nouvel Observateur. Für die „Kiosk“-Betreiber ist Minitel „das Huhn, das goldene Eier legt“, konstatiert das Wirtschaftsmagazin L’Expansion.