Von Christiaan L. Hart-Nibbrig

Quirlige Flipperkastenprosa – mit Spielgewinn. Als ob er sich die Sätze wie Quecksilbertropfen von den Fingern schlüge, spritzig, kugelnd; als ob er ausgezogen wäre, das Fürchten zu lehren. Eine literarische Textverarbeitungs-, eine Wahnproduktionsmaschine ist das –

Jürg Laederach: „Flugelmeyers Wahn – Die letzten sieben Tage“, Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 1986; 363 S., 36,– DM,

Flugzeit: eine Woche. Eine umgedrehte Schöpfungsgeschichte, eine umgestülpte Autobiographie auch: kein Plot zum Nacherzählen, kein Held, baumelnd am roten Lebensfaden, der sich individuell charakterisieren und von innen auffüllen ließe. Statt dessen Flugelmeyer, ein mit allen Wassern gewaschener informierter Zeitgenosse, eine gefräßig gescheite Spinne wandernd im eigenen Textnetz, immun gegen jede Befragung. Die „Dinge bald entbehren zu müssen“, macht ihn „scharf auf die Dinge“. Der Versuch, unter Wiederholungszwang das befristete Leben in einen nachvollziehbaren Zusammenhang zu bringen, läßt dieses erst recht explodieren, weil sich der Erzähler mit dem Drücken der Selbst-Ausdrucks-Taste zugleich auslöscht, aus-phantasiert, zu Tode redet. Herausgeballert alles, ein künstliches Sperr- und Störfeuer von echtem Schrot und Korn. Poppig grell.

Ein ätzendes, ein rabiates, ein verspieltes, ein spleeniges Buch, „durchkomponierte Ruine“, sprachlicher free jazz, rhapsodisch auf jaulend zuweilen in delirierenden Narrationsspiralen mit dem ground bass „Spleen“: „Der Spleen ist nicht das Drüber-Sprechen, er ist das Was-Draus-Machen“, „ein Trieb zur Herstellung von Vergangenheit“, ehrgeiziger Avantgardismus also, „das Gefühl, das der Katastrophe in Permanenz entspricht“ (Tach, Benjamin, hier spricht Laederach, im Vorbeirasen!) Das ist der apokalyptische Wahrsinn von Flugelmeyers Wahn: „Untergang und Verstümmelung“, vorweggenommen an sich selbst.

„Wahn haben, also wähnen, das ist das Finden.“ Da er beim Finden „laut vor sich hin redet“, bleibt zunächst nur eines – „einfach mithören“. Fürs Lesen heißt das dann: multiple choice so richtig zum Durchfallen. „Die Welt ist ein Requisitar“, orgelt Flugelmeyer, „aber nicht das größte. Sie kann’s mit dem Kopf nicht aufnehmen.“ Der erweist sich denn auch bei seiner erzählerischen Ausspiegelung zum Zerbersten voll von der Welt, aus der er herausgefallen ist, von phosphoreszierendem Erlebnisstrandgut, Irrlichtern verglimmender Vernunft. Weißes Rauschen bisweilen, weil zu vieles gleichzeitig einfällt mit steilem Winkel.

Wenn die Technik der Comic-Strips sprachlich ausexerziert wird, darf’s auch schon mal tragisch werden, outriert auch und gegen den Strich kitschig: „Die Kunst läßt kühl, der Kitsch ergreift.“ Hier besteht die Kunst darin, den Leser auch an Stellen, die in ihrer grausam vergrößernden Optik, ihrer quälenden Zeitlupe sonst zum Kotzen wären, mit einer kalten Dusche zu ernüchtern. Daneben schnurren narrative „Flugelmeyer-Einheiten“ ab, werden Kurz- und Kürzestgeschichten ausprobiert, Trickfilmnummern im Zeitraffer übereinandergeblendet und wieder eingespielt, hart geschnitten und zurückgespult, kaleidoskopische Spiegelsplitter einer Welt, die so zugrunde geht unter der Schädeldecke des keineswegs verrückten Protagonisten, with a bang or with a wimper („Oh, Eliot!“), und wenn die Pointen platzen mit Überschallknall ist der Erzähler schon weg und weiter.