Von Helmut Schmidt

Diese wiederaufgebaute Kirche habe ich zum ersten Mal gesehen, als meine Frau und ich das erste Mal im Oberlin-Haus zu Besuch gewesen sind, und dazu kam dann, im sogenannten Lutherjahr, ein Besuch in Wittenberg. In diesem Jahr liegt kein besonderer Anlaß solcher Art vor, aber bedarf es denn eigentlich eines besonderen Anlasses, wenn Deutsche Deutsche besuchen? Oder wenn Christen das Gespräch suchen mit anderen Christen? Oder wenn sie in aller Bescheidenheit hoffen, als Bruder angenommen zu werden?

Unser Superintendent hat vorhin erinnert an das Edikt von Potsdam heute vor gut 300 Jahren; damals hatte der französische Ludwig, später Sonnenkönig genannt, das Edikt von Nantes aufgehoben, das heißt: die religiöse Duldung der protestantisch reformierten Hugenotten in seinem Königreich aufgehoben. Danach sind viele französische reformierte Christen emigriert, viele gingen nach Brandenburg. Sie brachten ihren Glauben mit. Als Herr Jarowinsky, Mitglied des SED-Politbüros, und ich gestern nachmittag darüber sprachen, sagte er, das Potsdamer Toleranzedikt des Großen Kurfürsten habe natürlich auch dessen ökonomischen Interessen gedient; und ich habe hinzugefügt: natürlich ebenso den Interessen der Hugenotten. Die Hugenotten haben auch ihren Fleiß mitgebracht, ihre Begabungen, ihre schöpferischen Kräfte, ihren kaufmännischen Verstand und ihre nüchterne französische Vernunft. Alles dies zusammen, die Vernunft in Sonderheit, hat später Preußen und das Preußentum wesentlich mitgeprägt. Wir haben heute noch Zeugnisse dieser Prägung, etwa in den Worten Kurt Tucholskys, der geschrieben hat, daß die Hugenotten ins Land kamen, davon zeuge heute noch "manche Frauenschönheit und der ganze Fontane".

Toleranz, schon gar religiöse Toleranz, war im nachreformatorischen Europa, im Europa nach der Gegenreformation damals ein ungewöhnliches Wort. Tatsächlich ist ja, mindestens seit den von der Kirche angestifteten Kreuzzügen, die Geschichte der Kirchen in Europa zugleich auch eine Geschichte der Intoleranz, eine Geschichte des Willens, durchaus nicht zu dulden, daß Menschen anderen Grundüberzeugungen anhingen als die Kirche oder als der regierende Souverän.

Religiöse Intoleranz ist in der europäischen Geschichte vielfältig zum Motiv geworden, zum Anlaß, zum Vorwand geworden, auch zum Instrument gemacht worden von blutigsten Verfolgungen und von Krieg. Die Bartholomäusnacht in Frankreich oder der Dreißigjährige Krieg in Deutschland sind Beispiele, die wir alle kennen. Hundert Jahre vor dem Dreißigjährigen Krieg, 1555, hatte der Augsburger Religionsfriede zwar versucht, Gleichberechtigung herzustellen für katholische auf der einen und für lutherische Glaubensüberzeugung auf der anderen Seite, nota bene nicht für die reformierten Protestanten, Aber dieser Augsburger Religionsfrieden hatte in unseren heutigen Augen jedenfalls einen kardinalen Fehler; denn er bestritt den Untertanen der Fürsten ihre persönliche Religionsfreiheit.

Sie werden sich vielleicht aus ihrer Schulzeit an den 1555 postulierten Rechtssatz erinnern: Cuius regio, eius religio. Das heißt auf deutsch: Wer ein Land oder wer einen Staat regiert, der hat das Recht zu bestimmen, welchem Glauben die Einwohner anzuhängen haben. Wir heutigen Menschen, nach zwei Weltkriegen, nach der schlimmsten Intoleranz, der terroristischen, mordenden Intoleranz der nationalsozialistischen Diktatur, wir sehen jenes Prinzip: cuius regio eius religio – inzwischen als Barbarei an. Wenn zum Beispiel heute die SED von strikter Trennung von Staat und Kirche spricht, oder wenn das Bonner Grundgesetz von 1949 die Gewissensfreiheit und damit die Religionsfreiheit der einzelnen. Person ins Zentrum stellt, oder wenn zum Beispiel die Schlußakte von Helsinki von 1975 von den "gemeinsamen Werten aller europäischen Völker" spricht, so ist dies zwar alles nicht dasselbe, aber es wurzelt doch im gleichen Urgrund.

Heute bedeutet Toleranz etwas anderes, als zur Zeit Friedrichs II. Friedrich der Große übte Toleranz aus Gleichgültigkeit, zeitweise aus Verachtung gegenüber Kirche und religiösen Bekenntnissen. Wir Heutigen dagegen wissen: Wir müssen die Glaubensüberzeugungen des anderen achten und respektieren, gerade auch dann, wenn wir sie nicht teilen können. Wir Heutigen sagen: Ich achte und respektiere dein Gewissen, deine Grundwerte, weil ich deine Menschenwürde genauso hoch schätze wie meine eigene.