Politik gegen Humanität: Henri Dunants Erbe wird verspielt

Von Günther Mack

Eine Idee verkommt, eine Organisation verstümmelt sich selbst. Das Rote Kreuz: Es steht für die Hoffnung der zivilisierten Welt, auch im Kugelhagel gebe es noch eine Humanität, auf die selbst die grimmigsten Gegner verpflichtet bleiben. Doch was zählt heute noch diese Vorstellung von Zivilisation, diese Hoffnung auf das Rote Kreuz?

Vertreter der südafrikanischen Regierung können gewiß nicht als Repräsentanten wahrer Humanität gelten. Trotzdem wirkt ihr Ausschluß von der 25. Internationalen Rotkreuz-Konferenz in Genf schockierend. Dieser Protest gegen die Apartheid schadet nicht dem Regime in Pretoria, er droht vielmehr, die größte humanitäre Organisation der Menschheitsgeschichte im Kern zu zerstören. Gewiß, die Idee steckt voller Widersprüche: Menschlichkeit im Krieg, Verständigung trotz Kampf. Aber wer diesen Widerspruch nicht stehenlassen will, der beseitigt nicht Krieg und Kampf, sondern den Rest an Menschlichkeit und Verstehen.

Im Dunstkreis der Vereinten Nationen, fast auf allen internationalen Foren gehört die Nach-Verurteilung der oft Verurteilten schon längst zum Ritual – wie das Tischgebet zum Pfarrhaus. Israel und Südafrika, sie trifft es zumeist, wenn Konferenzen ihre moralische Kraftmeierei auf kleinstem Nenner betreiben.

Der von Kenia im Namen aller afrikanischen Staaten beantragte und mit zahlreichen Stimmen aus Asien und aus dem Ostblock durchgesetzte Ausschluß der Delegierten aus Südafrika gilt einem ohnehin isolierten Regime, das sich postwendend mit der Ausweisung aller 19 Delegierten des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) aus Südafrika revanchierte. Der Schaden für die Regierung Botha hält sich schon deshalb in Grenzen, weil sie auf bequeme Art und Weise unangenehme Augenzeugen los wird. Aber die vom IKRK regelmäßig betreuten Opfer des Apartheid-Regimes in den Haftanstalten, die 20 000 Flüchtlinge aus Moçambique und die vielen anderen Notleidenden im ganzen südlichen Afrika verlieren jetzt die letzten Helfer.

Ginge es um einen Akt humanitären Übereifers unter einer überforderten Konferenz-Regie des Schweizer Rotkreuz-Präsidenten Kurt Bolliger, die Scherben ließen sich vielleicht noch an Ort und Stelle kitten. Aber die Mehrheit im Internationalen Roten Kreuz will offenbar genau dies nicht. Vielmehr hat sich der Drang zur Politisierung – oft diskutiert und immer wieder zurückgedrängt – nun doch durchgesetzt. Die Mehrheit empfindet dies wohl als Befreiung von lange erduldeten Fesseln.