Von Mathias Greffrath

Vielleicht ist das ja ganz gut so. Vielleicht beschert uns ja die Dialektik der Dummheit vergessene Fragen, und vielleicht bringt uns Kohls munteres Grenzverwischen zwischen Goebbels und Gorbatschow, seine geschichtsblinde Gründungswut, seine semantische Wende nicht nur empört liberale Kommentare, überflüssige Museumsbauten und Peinlichkeiten auf Friedhöfen. Vielleicht befördern Ernst Noltes neuerliche Identifikation mit den Ängsten der Täter und Fests Erklärung, Geschichte sei eben irrational, kurz: die allzu forciert betriebenen Verdrängungen, die Wiederkehr des Wirklichen und die Erinnerung an die Untaten. Der Umgang mit Geschichte und vorzugsweise mit der Geschichte der zwölf Jahre füllt jedenfalls viele der herbstlichen Zeitschriften.

Es ist das Alltagsgeschäft der Aufklärung, notwendig und nüchtern, wenn in Johano Strassers L 80 (Heft 39, 176 S., 16,80 DM; Bund-Verlag, Köln) Sven Papcke noch einmal "Vergessen durch Geschichte" als die gar nicht einmal geheime Absicht der neuen Geschichts-Seligkeit herausstellt. Der Auftrag des Kuratoriums für das in Bonn geplante Mahnmal "für die Opfer des Krieges und der Gewaltherrschaft" lautet: "Umfang und Größe müssen in einem angemessenen und würdigen Verhältnis zu den unserem Volke in zwei Weltkriegen abverlangten Opfern stehen". Wer hat da abverlangt, und wer sind die Opfer? "Die Tatsache, daß unsere Soldaten von einem Unrechtsregime in einem sinnlosen Krieg mißbraucht worden sind, mindert nicht unsere Dankbarkeit für ihr Pflichtgefühl und ihre Tapferkeit." Sprach der Bundesbauminister.

Die Amtierenden lechzen nach Würde und Schlußstrich und "versöhnendem Gedenken", die abtretenden Väter wollen nicht als Versager vor der Geschichte begraben werden; aber sie treiben es zu dreist, mitsamt der von ihnen gecharterten Historiker. Und deshalb heißt es, auch wenn es durch Wiederholung ermüdet, Position zu beziehen: Hilmar Hoffmann plädiert für Werkstätten anstelle von Gedenkstätten, Hermann Glaser zitiert Schiller: Geschichte beschäftige uns nicht, weil sie einmal war, sondern weil jede Generation den "wahren Maßstab für Glückseligkeit und Verdienst (gewinnen muß), den der herrschende Wahn in jedem Jahrhundert anders verfälschte". Geschichte ist auch das Resultat der Kämpfe um ihre Interpretation: in Beiträgen von Alfred Frei und Michael Wildt werden die Angriffe auf die Geschichtswerkstätten, auf die "Geschichtsschreibung von unten", die "Alltagsgeschichte" gewichtet. Es ist eine Kritik, die von der Zunft in dem Maße verstärkt wird, als die Geschichtswerkstätten nicht mehr bloß im Kiez herumbosseln, sondern das Interpretationsmonopol der Geschichtswissenschaft angreifen. Dabei sind die Barfußhistoriker, Ingrid Laurien erinnert daran, nicht immer frei vom Gartenlaubengeruch der "kleinen Leute". Oft führt der neue Verwurzelungswunsch zur Seligsprechung des Alltags, zur braunstichigen Idylle der großen Familie vor altem Fachwerk. Das ist dann nichts anderes als die Ausstaffierung der Städte mit Betonbiedermeier und Gußeisenpollern aus Schinkelzeiten; zur Geschichte von unten gehört auch die der Gemeinheit von unten und die der Dummheit und der Indolenz der kleinen Leute.

Babylon – Beiträge zur jüdischen Gegenwart (140 S., 20,– DM; Verlag Neue Kritik, Frankfurt) heißt eine neue Zeitschrift, aber ihr erstes Heft geht gegen den "Anschlag auf die Erinnerung, der in Bitburg feierlich begangen wurde", gegen die Versuche, die Einmaligkeit der Nazi-Morde zu schleifen. Beschämend fast, noch einmal erinnern zu müssen: an die Nürnberger Prozesse und an die Monstrosität der Taten; an die unschuldig Ermordeten, die allein den Namen "Opfer" verdienen; an die Erbärmlichkeit und das Selbstmitleid der Täter, die vom "Tribunal der Sieger" heulen – aber auch an die unverstellten Einsichten etwa von Hans Frank: "Jeder ahnte, daß etwas ganz und gar nicht in Ordnung war (...) Sie wollten es nicht wissen." Da gab es die Empörung der Herren Schacht und Dönitz, daß sie sich einen KZ-Film ansehen sollten; oder Jodl, der "die jüngsten Aussagen von Ernst Nolte vorweg (nahm): ‚Sagen Sie mir von Mann zu Mann, wußten Sie je, daß die Deutschen so blutdürstig und grausam waren? Es ist eine typisch asiatische Eigenschaft.‘"

Es ist immer die Erinnerung an Besonderes, an Einzelheiten, die es schwermacht, Geschichte zu vergessen. Das Erinnern macht die Toten nicht lebendig, aber es schärft unseren Unwillen zur vorschnellen Versöhnung wie zur Beruhigung durch Theorienbildung. Marek Edelmann, der stellvertretende Kommandant des Warschauer Getto-Aufstandes, erzählt den Redakteuren einer heutigen polnischen Untergrundzeitung über den Aufstand, über das Sterben, über den Antisemitismus der Nazis und der Polen. Geschichte von unten – so resümiert sie sich: "Es ist halt so, daß die Schwachen immer sehr humanitär sind und die Starken morden."

Die großen Aktionen der Geschichte bestehen aus vielen einfachen Dingen: Wer liefert rechtzeitig Waffen, wer macht den Mund auf, wer handelt gegen seinen Instinkt, wer gibt Obdach. Diese Einzelheiten machen Geschichte; in ihrer millionenfachen Wiederholung oder Mutation bestätigen Sie den Gang der Dinge oder lenken ihn leise um: ",Marek‘", sagte einer aus der kommunistischen Volksarmee zu Edelmann, der, kaum den Nazis entronnen, in Gefahr stand, von polnischen Antisemiten umgebracht zu werden, ",du solltest nicht hier im Keller schlafen, komm lieber mit auf die Swietojerska Straße.‘ Und dort deckte der mich zu und schlief an meiner Seite, damit mich keiner erschießt. Es war also alles nicht so einfach, wie ihr euch das vorstellt. (...) Heute hat ein Bujak (von der Solidarnosc) keine Wohnung. Wie viele Menschen bieten ihm eine Wohnung an? Zehn von Hundert. In Todesgefahr würde jeder dieser hundert sein Feind. Verstehen Sie das denn nicht?" Babylon will die Tradition des jüdischen Intellektuellen wieder aufnehmen, die Tradition eines Denkens, das universalistisch orientiert ist, ohne die individuelle Besonderheit zu vergessen oder wegzurationalisieren. Oder kürzer, mit Marek Edelmann: "Ein Jude fühlt sich immer mit den Schwachen verbunden." Ob es einen Unterschied gebe zwischen diesem Juden und den Schwachen Nicht-Juden? "Ob es einen Unterschied gibt? Nein. Gar keinen."