Warum werden Künstler vorgestellt, herausgehoben, ausgestellt? Weil sie nun wirklich mal „dran“ waren, weil sie ins spekulative Konzept passen, weil ohne sie überhaupt nichts geht? Werner Schmalenbach, Direktor der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf, sagt, er veranstalte eine Retrospektive des 85jährigen Bruno Goller, weil er ihn für „einen wunderbaren Maler“ hält. Das klingt verblüffend schlicht, überzeugend selbstbewußt und so privat, daß es neugierig macht. Goller, 1901 im rheinischen Gummersbach geboren, 1927 nach Düsseldorf gekommen, von 1953 bis 1964 Professor an der Kunstakademie (auch Lehrer von Konrad Klapheck), ist ein Künstler jener irritierend von jedweder Szene distanziert arbeitenden Art, die nur bei allfälligen Ehrungen oder zu runden Geburtstagen Interpreten herbeilockt. Ein „Geheimtip“ sei er, heißt es dann, ein Magier mit dem großen Kinderblick, ein Klassiker der gegenständlichen Malerei, immerhin. Als Schmalenbach im Frühjahr dieses Jahres sein Museum am Grabbeplatz eröffnete und zwei großformatige Gemälde Gollers in der ständigen Sammlung zeigte, da mokierte sich mancher doch über solch vermeintliche Düsseldorfer Anhänglichkeit.

Doch des Direktors Bewunderung, die er offensichtlich mit seinem Ausstellungsleiter Jörn Merkert teilt, gilt keinem Lokalhelden. Sie wendet sich an einen Maler merkwürdiger, sich im Gedächtnis des Betrachters festsetzender Bilder, an ein Œuvre, durch das sich ein Reigen von Ding-Imaginationen beunruhigend spannt, an zeitlose Bilder permanenter Erinnerung. Ein Lebenswerk ist nun, einundsiebzig Bilder sind zu sehen, Öl auf Leinwand, entstanden zwischen 1922 und 1985, mit Unterbrechung der Nazizeit, in der Goller sich fast nicht äußerte, in der er sieben Jahre überhaupt nicht malte. Die Retrospektive ist auch eine Schau gegen manch weltstürmenden, einundsiebzig Bilder pro Jahr produzierenden Trend der Gegenwartskunst, gegen neudeutsches Pathos und internationale Gemeinplätze.

Provinziell ist diese Ausstellung nicht, aber sehr privat. Auf Goller, den Verschlossenen, Zurückhaltenden, seiner privaten Welt immerfort Zugewandten, läßt sich, das wird hier auch für den Besucher deutlich, nur privat reagieren. „Schüchterne Kühnheiten“ nannte Schmalenbach Gollers Bilderfindungen, die in der Fülle der Ausstellung dennoch seltsam suggestiv wirken. Unbeirrt und mit deutlicher Neigung zur Verknappung, hat Goller, zunächst ein Zeitgenosse der Neuen Sachlichkeit, Lebens-Zeichen in die Fläche seiner Bilder gesetzt. Ruhig erscheint diese Welt privater Embleme: Frauengestalten, Akte, Katzen, Möbel, Hutständer, immer wieder Hüte als bildgewordene Erinnerung an den mütterlichen Hutladen, merkwürdige Ohren, dazu Ziffern, lauter monumental auftretende Zeichen in einem Werk, das weniger erzählt als konstatiert. Abgehoben von ihrer eigentlichen Umgebung, sind diese Zeichen zur Kunstform geworden in den von vielerlei Ornament umgrenzten Bildfeldern. Spröde ist die Malweise. Aus Terrakottatönen blüht im Laufe der Jahre Farbe auf. Fresken aus archaischer Zeit meint man zu sehen, entrückte, stille Bilder jenseits der Welt. Ihre leise Melancholie und ihre sanftmütige Schönheit haben sich über Jahrzehnte erhalten.

In Gollers Schwermut ist auch Ironie aufgehoben, und seine Ding-Geschöpfe tragen einen Anflug des Absurden nicht als Fahne, sondern wie eine schmückende Schleife. Denn Goller ist ebensowenig ein ins Surreale aufbrechender Künstler wie einer, der im puren Gegenständlichen die Magie sucht. Er lebt dazwischen, bei sich, heute wie vor sechzig Jahren, mit einer wunderbaren Gelassenheit und Sicherheit des persönlichen Zugriffs auf die Welt, wie sie nur Einzelgänger sich bewahren können. (Künstsammlung Nordrhein-Westfalen, bis zum 9. November, Katalog 30 DM) Ursula Bode