Eine Zeitung hat geschrieben, aus meinem Fehlen bei der amerikanischen Uraufführung sei zu entnehmen gewesen, ich wolle mich von dem Film distanzieren. Ich war jedoch genau zu der Zeit in Dänemark, um einen Ehrendoktor entgegenzunehmen. Man verzeihe mir die Annahme, aber ich muß klarstellen: Es gibt Prioritäten, an denen ich unverrückbar festhalte, und ich bin in erster Linie Universitätsprofessor.

Der nach meinem Buch gedrehte Film kommt in Dutzenden von Ländern heraus, und in jedem Land gibt es Zeitungen, Fernseh- und Rundfunksender, die offenbar brennend an der Frage interessiert sind, ob der Autor des Buches mit dem Film zufrieden ist oder nicht. Wenn ich auch nur ein einziges Mal nachgebe, ist mein Leben für ein ganzes Jahr ruiniert. Ich lehne diese Art von Kannibalismus ab und präsentiere in Zukunft bei jeder Anfrage eine Photokopie dieser meiner Erklärung, der ersten und letzten in dieser Sache.

Ein weiterer Grund, warum ich über den Film nicht mehr reden werde, ist meine Achtung vor Jean-Jacques Annaud. Ein Buch und ein Film sind verschiedene Werke von verschiedenen Autoren, und es ist gut, daß jedes sein Eigenleben hat. Annaud geht nicht mit Interpretationsschlüsseln für mein Buch hausieren, er begnügt sich mit dem, den er durch seine Verfilmung geliefert hat. Ich glaube, es würde ihm nicht gefallen, wenn ich nun mit Interpretationsschlüsseln für seinen Film hausieren ginge (man wird mir immerhin zugeben müssen, daß ich nicht einmal mit Interpretationsschlüsseln für mein Buch hausieren gegangen bin). Annaud hat sich entschlossen, seinen Film im Vorspann „ein Palimpsest zum Namen der Rose“ zu nennen. Ein Palimpsest ist eine Handschrift, die einen Originaltext enthielt, der abgeschabt worden ist, um einen anderen darüber zu schreiben. Da es sich um zwei verschiedene Texte handelt, könnte der Autor des ersten durch entsprechende Fragen dazu gebracht werden, auf die Unterschiede hinzuweisen, und sofort könnte dann die massenmediale Gerüchteküche diese evidenten Bemerkungen in einen Ausdruck der Distanzierung verwandeln. Meine Freundschaft und Bewunderung für Annaud könnten dieses Mißverständnis nicht ertragen.

Wenn ich sage, daß mir das Labyrinth gefallen hat, wird jemand daraus schließen, daß mir die Kirche nicht gefallen habe; wenn ich sage, daß ich vom Verhältnis Adson-William angetan war, wird jemand insinuieren, ich sei konsterniert vom Verhältnis William-Jorge. Wenn ich sage, daß ich bestimmte Personen wiedergefunden habe und andere anders fand, als ich sie mir vorgestellt hatte, wird jemand mir unterstellen, ich hätte gesagt, Annaud habe mich falsch verstanden. Dabei ist die Vorstellung, die ein Autor von seinen Figuren hat, weder identisch mit der Darstellung, die sein Text von ihnen gibt, noch mit dem Bild, das ein Leser anhand des Textes von ihnen gewinnt. Ich bin ein voreingenommener Zuschauer, ich muß schweigen.

Zur Beruhigung derer, denen die Frage Obsessionen bereitet, kann ich lediglich sagen: Ich hatte mir vertraglich das Recht ausbedungen, den Film unmittelbar pach seiner Fertigstellung zu sehen und dann zu entscheiden, ob mein Name als Autor der Vorlage stehenbleiben darf oder getilgt werden muß, weil ich den Film inakzeptabel finde (ich möchte präzisieren, daß mir aus keinem der beiden Fälle ein materieller Vorteil erwachsen wäre).

Mein Name ist stehengeblieben, das dürfte genügen, um die nötigen Schlüsse zu ziehen. Das heißt durchaus nicht, daß ich der Meinung wäre, der Film „sage“ auf seine Weise das, was mein Buch gesagt hat. Zum Teil sagt er es, zum Teil sagt er etwas anderes. Er ist eine Lesart, eine Interpretation des Buches. Und nicht eine Interpretation, die sich der gleichen verbalen Sprache bedient, sondern einer primär visuellen. Ein Film bringt eine Farbe des Himmels ins Bild (mit allen entsprechenden Konnotationen), wo das Buch nicht davon spricht; er zeigt notwendigerweise Hintergründe, über die das Buch schweigt. Wie kann man diese unweigerlichen Differenzen vermeiden? Hinzu kommt, daß man, um einen Text von über 500 Seiten voller Diskussionen über Gott und die Welt in zwei Stunden Kino zu übersetzen, eine Auswahl treffen muß. Und genau weil ich dazu nicht fähig gewesen wäre, wollte ich auch nicht am Drehbuch mitarbeiten. Ich habe die Lesart eines anderen akzeptiert.

Ein Beispiel nur, bei dem es gar nicht einmal bloß um Lesarten geht, sondern um Notwendigkeiten, die sich aus den Zwängen der Gattung ergeben: Mein Adson ist ein Benediktiner im Gefolge eines Franziskaners, und ich glaube, daß dieser Unterschied im Buch eine wichtige Rolle spielt. Aber Annaud hatte achtzig schwarzgekleidete Benediktiner, und wenn er da auch noch Adson in eine schwarze Kutte gesteckt hätte, wäre der Junge im Haufen untergegangen. Deshalb hat er ihn zu einem Franziskaner gemacht, in grauer Kutte wie William. Annaud hatte recht: Mein Adson war Benediktiner, weil er im Stil der Benediktiner erzählte, aber sein Adson erzählt nicht, sondern er handelt, und dadurch verliert der Unterschied viel von seiner Bedeutung. Immerhin scheint mir, daß Annauds Adson die gleiche Scham und Unsicherheit besitzt wie der meine, nur bringt er sie mit dem Gesicht und nicht mit dem Wort zum Ausdruck.