Warum Vögel statt im Süden nun in England überwintern

Von Vitus Dröscher

Für manche Ornithologen ist es ein Jahrhundert-Ereignis: Ein kleiner Zugvogel ändert sein Reiseziel. Zogen die mitteleuropäischen Mönchsgrasmücken bislang alljährlich im Herbst nach Südfrankreich, Spanien oder Marokko, so überwintern seit kurzem viele von ihnen in Südengland oder Irland. Statt nach Südwesten flattern sie nunmehr geradewegs nach Westen. Wer hat ihnen den „inneren Kompaß“ verdreht, und warum geschieht das ausgerechnet in unseren Tagen?

Eine verblüffend einfache Erklärung des veränderten Zugverhaltens hat Professor Peter Berthold, Direktor der Max-Planck-Vogelwarte in Radolfzell, Ende September auf der Jahresversammlung der Deutschen Ornithologen-Gesellschaft in Innsbruck präsentiert. Die Zugrichtung vieler Einzelvögel ist keineswegs exakt gleich, sondern streut meist innerhalb eines Winkels von etwa 30 Grad. Daneben gibt es aber noch einige besonders „Dumme“, die noch um weitere 30 Grad vom Mittel der arteigenen Zugrichtung abweichen.

Geraten die Ausreißer aufs offene Meer, sind sie des Todes. Erreichen sie aber rein zufällig Regionen, in denen es sich gut leben läßt, haben sie das große Los gezogen. Sie vermehren sich prächtig und geben ihre „innere Fahrkarte“ an die Nachkommen weiter. Nach diesem recht simplen Prinzip der zufälligen Abweichung von der Norm kann sich die Zugrichtung von Vögeln verstellen, und zwar innerhalb weniger Jahrzehnte. Wandelt sich andererseits das althergebrachte Winterquartier einer Vogelart in eine tödliche Falle, so bleibt sie doch am Leben, eben durch die Abweichler, die Neuland aufsuchen. Auf diese Weise wird das Massenphänomen Vogelzug bisweilen durch wenige „Individualisten“ entscheidend geprägt.

Bislang herrschte die Ansicht vor, die ererbte Zugrichtung eines Vogels sei eine seit Jahrtausenden starr festgelegte Eigenschaft. Nun stellt sich aber heraus, daß sie erstaunlich flexibel ist. Erst vor 25 Jahren wurden einige wenige mitteleuropäische Mönchsgrasmücken im südenglischen Winterquartier beobachtet. Heute sind es bereits weit über 10 000.

Berserker am Futterhaus