Kiel

Wenn von deutschen Volkstrachten die Rede ist, wer denkt da nicht zuerst an Bayern, an Lederhosen, Dirndl und Lodenmäntel. Auch auf dem Modemarkt richtet sich der Trend der Tracht vorzugsweise nach bekanntem Seppl & Gretl-Look.

Dabei gewinnt die Tracht auch unter den Nordlichtern immer mehr Anhänger. Gemeint sind hier nicht die Herren, die in modisch aufgepepten Jankern durch Hamburgs Innenstadt flanieren.

In Schleswig-Holstein forscht man wieder nach den eigenen Wurzeln. Das Interesse an Trachten und Brauchtum der Fischer und Bauern, die einst hier hausten, erlebt seit fünf Jahren einen stetigen, unaufhaltsamen Boom. Von null auf sechzig steigerte sich die Zahl der Trachtengruppen in wenigen Jahren. Kamen vor drei Jahren nur wenige hundert, so tanzten dieses Jahr fast dreitausend Schleswig-Holsteiner zum Landestreffen der Trachtengruppen an.

So recht erklären kann sich der Deutsche Heimatbund, Dachverband für die Trachtenfans, diese Entwicklung nicht. Vielleicht, so meint der Geschäftsführer in Kiel, zeigt sich so die Abwehr gegen die moderne Massengesellschaft, gegen die Uniformierung und die von der Industrie verordnete Monotonie der Jeans. Mit altmodischer Volkstümelei jedenfalls habe das wenig zu tun, denn die hier mitmachen seien „keine vertrottelten Mädchen mit Holzbrosche und Knoten, die gehen anschließend durchaus in die Disco“.

Vor allem junge Leute sind es, die die Volkstänze und Trachten der Vorfahren an der Nord- und Ostseeküste wiederentdecken. Das Angebot vielfältiger Unternehmungen und Gruppenerlebnisse macht die Vereine attraktiv. Die Jungs sind hier ein bißchen zurückhaltender; insbesondere Mädchen finden Gefallen an den handgewebten langen Röcken und bestickten Spitzenhäubchen.

Ihre Begeisterung kennt keine Grenzen, nicht einmal die der Nationalität. Im Ellerbeker Volkstanzkreis reihen sich auch türkische, iranische und vietnamesische Mädchen ein zum Holsteiner Dreitour.