Kleinkrieg zwischen Sowjets und Amerikanern: Moskau und Washington wiesen Diplomaten und Botschaftsangehörige des weltpolitischen Gegenspielers aus.

Die Sowjetregierung hat im west-östlichen Diplomatenkrieg den Nerv des Gegners getroffen. Durch den erzwungenen Abzug von über zweihundert sowjetischen Mitarbeitern ist nicht nur die Arbeit der amerikanischen Vertretung in Moskau in arge Bedrängnis geraten. Auch der American way of life der westlichen Diplomaten in der sowjetischen Hauptstadt ist in Gefahr. Denn mit Hilfe von Sowjetbürgern war es den meisten amerikanischen Botschaftsfamilien gelungen, sich in insularer Abgelungen, den Widrigkeiten des Moskauer Alltags zu entziehen.

So ist nun das stadtweite amerikanische Dienstleistungsnetz zusammengebrochen, die General Service Organisation. Mit Hilfe von GSO ließen sich durchgeschmorte Stromkabel, hinfällige Kühlschränke oder marode Autos reparieren. Die dienstbaren Russen, die solches mit flinker Hand bewerkstelligten, sind nun entschwunden.

So amüsant auf den ersten Blick natürlich das Bild der besenschwingenden Diplomatengattin auch sein mag, die tragikomische Seite dieses Spektakels spielt sich in den häuslichen Wänden der betroffenen Familien ab. Die wenigen Kontakte zu Sowjetbürgern, die zum Beispiel als vielbegehrte Kindermädchen zu den Amerikanern ins Haus kamen, sind abgerissen. Damit wird es für viele Amerikaner wieder leichter werden, mitten in der Sowjetunion die Russen schlechthin für bedrohliche Wesen zu halten.

Traurig machen auch die angstvollen Klagen derjenigen Diplomatengattinnen, die sich zum ersten Mal gezwungen sehen, sowjetische Milch zu trinken und sowjetische Eier zu braten. Bislang nämlich wurden die Botschaftsangehörigen über Eisenbahncontainer mit frischer Ware aus Finnland versorgt. Und für Abwicklung, Transport und Verteilung dieser Aufträge waren ebenfalls die entlassenen Russen zuständig.

Johannes Grotzky (Moskau)