Von Manuela Reichart

Auf einer Gesellschaft pflegt man die Konversation: Die anwesenden intelligenten Menschen liefern sich eitle Rede-Duelle, sie plaudern tiefsinnig, ohne den leichten Ton der Verbindlichkeit zu verlassen. Man kennt, schätzt und verachtet sich. Die Gesprächsthemen geben sich bedeutungsschwer, der Geist der Anwesenden muß bewiesen werden; schließlich kommt man auf die Seele, ob sie unsterblich oder vergänglich, ein Leben nach dem Tod schon im Diesseits oder erst im Jenseits spürbar oder die ganze Frage des Spiritismus nicht mehr als eine Dummheit, ein Volkssport sei.

Eine englische Gesellschaft: man ereifert sich, kann spekulieren und Position beziehen, die Klingen sind geschärft und niemand wird ernsthaft verletzt. Bis dann einer das Wort ergreift, der bisher nicht zur Gruppe der Redenden gehörte, der im Gegenteil so aussieht, als habe ihn die Gastgeberin aus Versehen eingeladen. „Alle Köpfe drehten sich plötzlich zu ihm hin: Es war, als hätte plötzlich ein Regenschirm zu sprechen begonnen.“

Der Mann erzählt eine Gespenster-Geschichte, seine Geschichte: wie er einmal allein auf einer Radtour in Irland wegen eines platten Reifens in ein herrschaftliches Haus geraten, und dort auf eine schluchzende schöne Dame gestoßen sei, wie er den vornehmen Ort verstört wieder geflohen habe, um dann am Abend von seinen Verwandten zu erfahren, jene von ihm so genau beschriebene Villa, jene Frau gäbe es gar nicht mehr, das Haus sei abgebrannt vor ein paar Jahren. Der Mann erzählt seine Geister-Geschichte, die anderen unterbrechen ihn, machen sich über ihn lustig, aber er läßt sich nicht beirren, er beherrscht nicht den leichten Ton, das Spiel, das hier gefragt ist.

Am Ende der Erzählung „Das Hinterzimmer“ wird der Außenseiter weggeführt, er paßt nicht in die Runde, er hat Ernst und Verwirrung in die amüsante Konversation gebracht, das gehört sich nicht, und der Gastgeberin bleibt nur noch die gröbste Regelverletzung, das Schweigen.

Die gute Gesellschaft und ihre Regeln, die Leere und die Langeweile zwischen den Menschen: die englisch-irische Schriftstellerin Elizabeth Bowen (aufgewachsen auf einem irischen Landsitz, dann in einem englischen Internat) beschreibt immer wieder Störfälle. Oft sind es Gespenster, übernatürliche (oder scheinbar übernatürliche) Vorkommnisse (man merkt nicht von ungefähr die Tradition der gothic novels), die den Leuten zusetzen, die sie herausheben aus dem Allerlei ihres Lebens, zu denen sie sich flüchten, die ihnen ihr gewöhnliches Unglück als besonderes erscheinen lassen.

So erzählt eine Frau von dem großen Schicksalsschlag, der sie traf: wie sie nach einer glücklichen Zeit erst von ihrem Liebhaber, dann von ihrem Ehemann verlassen wurde; sie ist überzeugt, daß an dieser Wendung ihres Lebens eine neidische Tote schuld war, jeder Zweifel daran erscheint ihr absurd. „Kein Geist – wo er doch mein ganzes Leben ruiniert hat! Siehst du denn nicht, kannst du denn nicht verstehen, daß es etwas gewesen sein muß? Ganz allein ruiniert man doch nicht sein Leben!“ „Rotdorn“ heißt diese Geschichte einer verzweifelten Zuflucht, die nachzulesen ist in dem Buch von –