Wie man aus Eichenrinde kleine Brötchen backt

Von Uta van Steen

Aus der Verzweiflung der Stadt zieht man in die Verzweiflung des Landes hinaus und tröstet sich an der Tapferkeit von Sumpfotter und Bisamratte.

In der ersten Nacht – der Wind rauscht in den Tannen und die Sterne glitzern wie Katzenaugen – träume ich von Beton. Bröckelndes Graffiti-Gestein: nicht, daß ich es so besonders schön fände. Doch zugegeben, ich bin ein Städter. Ich habe nichts gegen Wolkenkratzer und Yuppie-Bars, Neonreklamen, Kinos und Kaufhäuser. Allerdings mag ich auch Waldspaziergänge am Wochenende. Eine Vorliebe, die Horst nur milde lächeln läßt: "Erst, wenn du wirklich Tag und Nacht draußen lebst, spürst du, wie du Teil der Natur wirst."

Danach habe ich mich nun nicht unbedingt gesehnt. Hier ich in der Stadt, drüben die Bäume im Wald – diese Aufteilung leuchtet mir eigentlich ein. Aber dennoch: Eine Woche lang im Wald überleben, ohne Vorräte, Zelt und Werkzeuge, nur mit Messer und Schlafsack ausgerüstet – das scheint mindestens ebenso viel Aufregung zu versprechen wie eine Fahrradfahrt in der Rush-hour. Der Ort des Naturschauspiels: der Eifeler Hürtgenwald. Zeit: eine Woche im Herbst. Handelnde Personen: neben dem Veranstalter Horst Wimmer, 43, sechs Freiwillige – Mandi, 23, Finanzbeamter; der 22jährige Bankkaufmann Frank; die Schwaben Karl und Martin, 23 und 35, Justizvollzugsbeamter und Schuster; der Lehrer Karl, 48, mitsamt seinem 18jährigen Sohn Rüdiger – und ich.

Das meiste von dem, was man unter dem Namen "Luxus" zusammenfaßt, und viele der sogenannten Bequemlichkeiten des Lebens sind nicht nur zu entbehren, sondern geradezu Hindernisse für den Aufstieg des Menschengeschlechtes.

"Zwei Paar Socken?" Grinsend hält Horst seine Beute hoch und fixiert das verlegene Opfer. "Beamter, wie? Du hast sicher auch zwei Lebensversicherungen." Wohlgefällig deutet er auf Mandi, der eine Art Portemonnaie vor sich auf dem Tisch liegen hat. "Mehr als hier reinpaßt, braucht man nicht im Wald, klar? Keinen Firlefanz."