Von Gunter Hofmann

Offenburg, im Oktober

Ein „persönliches“ Wort zum Schluß seiner Rede war Johannes Rau noch in der Nacht eingefallen, bevor er sie vortrug, als handele es sich um einen fremden Text. Er träume „nicht von der Mehrheit“, formulierte der Kandidat, er träume „von einer gerechteren Welt“. Auf ein auffällig großes, aber gewiß ehrlich gemeintes Wort hatte Rau sich da mit sich selbst verständigt.

Es klang während des Wahlparteitags der SPD am vergangenen Wochenende in Offenburg so, als wolle Johannes Rau in einen einzigen Schlußakkord packen, worum es ihm geht und wofür er stehen will. Ganz plötzlich, als falle ihm ein, mit letzter Kraft die Zögernden mitzureißen, beugte er sich nach der sanften Parteitagspredigt ins Mikrophon, um zu rufen: „Und deshalb kämpfe ich für die Mehrheit. Kämpft mit.“

Rau weiß, wie die Verhältnisse geworden sind. Auch mit einer grandiosen Solonummer und Kampfespathos hätte er nicht viel bewegt. Einig sind sich die Leitartikler derzeit ohnehin, die SPD-Opposition könne bei den Wahlen keinen Blumentopf mehr gewinnen. Freies Feld also für Kanzler Kohl?

Auf dem Nürnberger Parteitag Ende August erhielt Rau gute Zensuren, und die SPD hatte eine freundliche Presse. Aber geändert hat auch das nicht viel; und die nächsten Tiefschläge – Neue Heimat, der Lappas-Fall und die Bayern-Wahlen – folgten prompt. So hangeln sich Rau und die SPD von Vorstellung zu Vorstellung: Wie war der Kandidat heute oder „die Rede“?

In solchen Zeiten wird nicht sehr genau nachgefragt, ob die Opposition sich mit konkreten Alternativen präsentiert, oder ob es, um mit Rau zu reden, bei den Wahlen um „zwei Zukunftsentwürfe“ und „nicht um Arabesken“ geht. Das alles geht in der allgemeinen Politikunlust einfach unter. Im übrigen stellt Rau sich beinahe als Regierungschef vor, er macht das sogar mit einer gewissen Tapferkeit, wenn er erläutert, auf welcher „Grundlage ich dann im Februar in Bonn meine Regierungserklärung abgeben will“. Sagt’s, blickt in den Saal, in dem laut applaudiert wird, – bleibt unbewegt und fährt dann fort: „Mit diesem Programm sagen wir: Das wollen wir. Das können wir jetzt.“