Die spanische Regierung ist in Sorge über die neue Serie von Attentaten

Von Volker Mauersbergei

Madrid, Ende Oktober

Seit Tagen hatte sich Spannung in Spanien angesammelt. Das Innenministerium wurde im Bereich Innere Sicherheit umorganisiert. Die Guardia Civil erhielt zum ersten Mal einen zivilen Chef. Ein aufmüpfiger General erhielt nach einem dreisten offenen Brief, der mit rechtsradikalen Parolen die Regierung schmähte, postwendend den Abschied. Die Justiz verstrickte sich tiefer in ihren Streit mit den Sicherheitskräften: Was dürfen die Richter untersuchen?

Dann schlug am Wochenende die tödliche terroristische Aktion wie ein Blitz ein. Nicht weit entfernt von dem Strandboulevard in San Sebastian hielt am Samstagvormittag der gepanzerte Dienstwagen von Brigadegeneral Garrido Gil vor einer roten Ampel. Der 59jährige Militärgouverneur der Provinz Guipuzcoa, passionierter Sportler und Naturfreund, wollte seiner Frau und seinem sechzehnjährigen Sohn Daniel an diesem Wochenende den Herbstwald der Provinz Huesca zeigen, wo Garridos Familie lebt; dort hatte er seine militärische Karriere als Kommandeur der Gebirgsjäger begonnen.

Wie immer hatte General Garrido bei seinem Privatausflug auf einen Begleitschutz verzichtet: Weder er noch die anderen Insassen des schweren Peugeot 505 bemerkten das Motorrad, das ihnen auf dem Weg in das Stadtinnere folgte. Der zweite Mann nutzte den Halt und legte mit einer raschen Bewegung ein tödliches Bündel auf das Wagendach. Garridos erschrockener Zuruf an den Chauffeur, er solle das Dach inspizieren, rettete dem Zwanzigjährigen das Leben. Die Detonation der Bombe schleuderte ihn aus halboffener Tür fünf Meter auf den Bürgersteig; die drei anderen Insassen kamen bei der Explosion ums Leben, die vierzehn Fußgänger zum Teil schwer verletzte und im Umkreis von fünfzig Metern die Fensterscheiben zertrümmerte. Die Augenzeugen hatten auf die Terroristen nicht geachtet, sahen nur zwei Männer auf einem Motorrad, das später in einer Parkgarage gefunden wurde.

Mit tiefer Bestürzung reagierten Offizielle und Öffentlichkeit auf dieses neue Attentat der Eta militar, die sich kaum zwei Stunden später zu dem Blutbad bekannte. Verteidigungsminister Narcis Serra nannte den ermordeten Militärgouverneur einen Mann „von sehr offener Haltung“; in der deutschen Botschaft erinnerte Botschafter Guido Brunner daran, daß General Garrido erst vor vier Wochen das Bundesverdienstkreuz bekam – der Ermordete war acht Jahre lang zuerst Assistent, dann Militärattache in Bonn; ein tiefgläubiger Katholik, der sich auf eigenen Wunsch in seine baskische Heimat hatte versetzen lassen. Schon einer seiner Vorgänger war beim sonntäglichen Spaziergang an der Concha von San Sebastian durch ein Eta-Kommando erschossen worden; „das liegt bei Gott“, pflegte Garrido zu sagen, wenn die Rede auf seine persönliche Gefährdung kam.