ZEIT: Herr Bugl, Sie haben den Fraktionsvorsitzenden im Bundestag vorgeschlagen, in einer weiteren Debatte über die künftige Energiepolitik der Bundesrepublik über neue Wege zu reden. Nun hat der Bundestag ja gerade erst darüber recht kontrovers debattiert. Wie könnten denn die neuen Wege aussehen?

Bugl: Bei der letzten Debatte, in der ja das umstrittene Thema eines Ausstiegs aus der Kernenergie eine Rolle gespielt hat, handelte es sich doch nur erneut um einen Austausch feststehender Standpunkte. Da haben die einen die Angst vor der Kernenergie geschürt und auf ein vermeintliches Wählerpotential geschielt. Die anderen haben erklärt, zur Kernspaltung gebe es keine Alternative, außerdem stünden sie bei der Energiepolitik in der Kontinuität auch früherer Regierungskoalitionen. Ich meine, daß wir in technologisch-politischen Fragen, die für unsere Gesellschaft von so großer Bedeutung sind wie die Kernenergie oder die Gentechnik, nach einem Konsens suchen sollten. Das geht nicht in der üblichen Art des parlamentarischen Schlagabtauschs. Wir sollten zum Beispiel Chancen und Risiken aller möglichen Energiesysteme abwägen. Wer heute sagt, der Ausstieg aus der Kernenergie ist sofort oder in einem bestimmten Zeitraum möglich, handelt genauso unverantwortlich wie derjenige, der Kernenergie um jeden Preis befürwortet. Beides ist für mich erschreckend. Wir – Abgeordnete aller Fraktionen und Sachverständige – müssen auflisten: Was hat die Kernenergie für Risiken? Was hat sie für Chancen? Wie sehen die Alternativen aus, und welche Risiken haben die? Erst wenn wir diese Abschätzung vorgenommen haben, können wir über unsere zukünftigen Energiesysteme verantwortungsbewußt und glaubwürdig entscheiden.

ZEIT: Aber was könnte wirklich anders sein als bisher? Schließlich gibt es doch das Instrument der Anhörungen, in denen Expertenmeinungen dargelegt werden?

Bugl: Wenn wir beim Bundestag eine Institution hätten, in der alle denkbaren positiven und negativen Folgen neuer wie alter Techniken vorausschauend untersucht würden – für mich wäre das eine Art Frühwarnsystem –, dann könnte die politische Diskussion sachlicher und glaubwürdiger geführt werden. Es bestünde die Möglichkeit, über tages- und parteipolitische Erwägungen hinaus, ganz unvoreingenommen zu beraten. Ich möchte einfach verhindern, daß die Behandlung so wichtiger Fragen wie die der Energiepolitik oder der Gentechnik oder der nachwachsenden Rohstoffe so abläuft wie bisher: Da holt sich jeder seine Experten, von denen er weiß, daß sie seine Meinung bestätigen. Oft haben wir auch den Fall, daß Experten oder Gruppen auf die Abgeordneten zukommen und versuchen, ihre Interessen zu verkaufen. Ich mache da keine Ausnahmen; das gilt für die Gewerkschaften ebenso wie für Industrieverbände. Aber bei dieser Politikberatung stehen die Antworten doch in der Regel fest. Unsere Anhörungen sind jedenfalls vielfach eine Farce. So kann ich wirklich keine glaubwürdige Politik machen und gewinne schon gar nicht die Glaubwürdigkeit zurück, die ich verloren habe. Und die haben wir überall verloren, in der Wirtschaft, in der Wissenschaft und in der Politik. Seit ich 1980 in den Bundestag gekommen bin, regt mich das ganz besonders als Naturwissenschaftler auf. Ich bin eine andere Arbeitsweise gewöhnt. Dazu gehört, daß man in aller Offenheit alle Fakten sammelt, sie untersucht und dann bewertet.

ZEIT: Die Enquetekommission Technikfolgeabschätzung hat sich unter Ihrer Leitung mit diesem Frühwarnsystem des Parlaments beschäftigt. Soll das nun eine ständige Einrichtung im Parlament werden?

Bugl: Selbstverständlich. Ich verstehe ein Frühwarnsystem, das uns Chancen und Risiken neuer Technik vor Augen führen soll, nicht als eine Clearingstelle, die Aufträge für Studien vergibt, die sie dann ans Parlament weiterreicht. Für mich ist Technikfolgeabschätzung im Parlament ein umfassender und kontinuierlicher Prozeß. Wenn wir verhindern wollen, daß sich Wissenschaft verselbständigt und dabei vergaloppiert, dann müssen wir ausgewählte Problembereiche interdisziplinär und in ständiger Wechselwirkung zwischen Politik und Wissenschaft untersuchen. Dem Deutschen Bundestag fehlt bisher ein Querschnittsgremium, das ressortübergreifend denkt und arbeitet. Deshalb ist es so wichtig, daß im Parlament eine Institution eingerichtet wird, die es dauerhaft begleitet.

ZEIT: Die Enquetekommission Technikfolgeabschätzung hat vorgeschlagen, daß der Bundestag eine Kommission einsetzt, die sich aus Sachverständigen verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen und Abgeordneten verschiedener Arbeitsausschüsse zusammensetzt. Sie würde durch ein wissenschaftliches Sekretariat beim Bundestag unterstützt, von dem zunächst das vorhandene Wissen zu einem zur Diskussion stehenden Thema gesammelt wird. Dann aber soll nicht einfach eine weitere Studie produziert, die gewonnenen Erkenntnisse sollen vielmehr für die Bedürfnisse und Aufgaben des Parlamentes strukturiert und handhabbar gemacht werden. Es geht also um einen kommunikationsintensiven Prozeß zwischen Parlament und Wissenschaft, der durch die Kommission und das dazugehörende Sekretariat organisiert und verstärkt wird. Diese Vermittlungsintensität und der Prozeßcharakter der Wissensgewinnung sind das Neue an unserem Vorschlag. Damit wird auch die Politik sehr viel transparenter. Das neue Instrument des Parlaments hätte auch die Funktion, die parlamentarische Arbeit gegenüber der mächtigen Ministerialbürokratie mit ihrem enormen Wissensvorsprung zu stärken.