In Reykjavik waren sich Reagan und Gorbatschow über vieles einig geworden. Am Ende gingen sie unverrichteterdinge auseinander – weil über Reagans Weltraumabwehr-Pläne (SDI) keine Verständigung möglich war. Die Vorschläge und Übereinkünfte des isländischen Gipfel-Wochenendes liegen jedoch weiter auf dem Verhandlungstisch. Worum geht es?

Interkontinentalwaffen. Die Sowjets akzeptierten einen früheren amerikanischen Vorschlag, die strategischen Angriffswaffen beider Seiten binnen fünf Jahren um 50 Prozent zu vermindern. Dabei sollte jeder Teil der nuklearen „Triade“ – auf U-Booten, zu Lande und auf Fernbombern – halbiert werden. Erstes Etappenziel: 6000 Sprengköpfe auf 1600 Raketen – nicht ganz die Hälfte, sondern 30 bis 40 Prozent. Danach sollte binnen weiterer fünf Jahre auch der Rest der strategischen Angriffswaffen abgebaut werden – wobei umstritten ist, ob nur ballistische Raketen (US-Version) oder auch Bomber und Cruise Missiles (UdSSR-Version). Sowjets und Amerikaner einigten sich auf bisher umstrittene „Zählregeln“: Ein Fernbomber gilt als ein Gefechtskopf, gleichgültig, wie viele Atombomben er trägt; jede Cruise Missile an Bord gilt als ein separater Gefechtskopf.

Mittelstreckenwaffen. Sämliche Mittelstreckenraketen in Europa – im Osten die SS-20, im Westen die Pershing II und die Cruise Missiles – sollten beseitigt werden. Den Sowjets wurde die Beibehaltung von 100 Atomsprengköpfen in Asien (zwischen Ural und 80. Längengrad) zugestanden; dafür sollten die Amerikaner 100 Sprengköpfe in Alaska aufstellen dürfen.

Mittelstreckenwaffen unter 1000 Kilometer Reichweite. Die vorhandenen Bestände sollen eingefroren, Verhandlungen über die Reduzierung auch dieser Waffen (die besonders die Bundesrepublik bedrohen) unverzüglich aufgenommen werden.

Atomwaffenversuche. Die Sowjets beharrten nicht auf ihrer bisherigen Forderung nach einer sofortigen Einstellung, sondern akzeptierten einen stufenweisen Prozeß: erst Verhandlungen über angemessene Kontrollmaßnahmen; danach Ratifizierung der beiden vorliegenden Atomtest-Begrenzungsverträge von 1974 und 1976; dann Gespräche über die weitere Einschränkung der unterirdischen Tests nach Anzahl und Qualität; schließlich Verhandlungen über ein totales Verbot. Eine Einigung scheiterte an der Frage, wie diese Verhandlungen heißen und öffentlich dargestellt werden sollten.

ABM-Vertrag und SDI. Gorbatschow schlug vor, den Vertrag von 1972 über die Begrenzung von Raketenabwehrsystemen zu „festigen“, die Arbeiten an Raketenabwehr nicht auf den Weltraum auszudehnen und zehn Jahre lang auf das Recht zu verzichten, mit halbjähriger Kündigungsfrist „aus dem Vertrag auszusteigen“. Er legte Reagan einen Vertragsentwurf vor: „Verboten wird die Erprobung aller kosmischen Elemente der Weltraumraketenabwehr außerhalb der Forschungen und Versuche, die in Laboratorien durchgeführt werden.“

Diesen Vorschlag verwarf Reagan. Er verzichtete auch darauf, bei den Sowjets sondieren zu lassen, ob es zwischen den vier Wänden des Labors und dem Weltraum nicht noch eine Zone gibt, in der SDI-Versuche auch nach sowjetischer Auffassung erlaubt sind. Mittlerweile haben sowjetische Sprecher die Erläuterung nachgeschoben, ihr Generalsekretär habe nicht gemeint: „nur im Labor“, er habe sagen wollen: „nur nicht im Weltraum“.