Bekanntlich geht es mit der Menschheit rapide zu Ende: AIDS, die sich auflösende Ozonschicht und die Strahlenverseuchung sorgen dafür, daß die Apokalypse immer eindringlicher beschworen werden kann. Da wurde es aber auch Zeit für das Buch zur Katastrophe; Dieter Eisfeld hat es rechtzeitig zur Spiegel-Titelgeschichte herausgebracht:

Dieter Eisfeld: "Das Genie", Roman; Diogenes Verlag, Zürich 1986; 292 S., 32,– DM.

Ein Yan Zabor, dessen biographische Daten auffällig denen des Verfassers ähneln, tut sich weder in der Schule noch in seiner Arbeit als Angestellter bei verschiedenen Firmen besonders hervor. Gleichwohl wird dem ahnungslosen Leser Bedeutendes angedroht: Zabor "schwebte vor, Vollstrecker eines in der Natur verborgenen schöpferischen Willens zu sein, also die Umwelt des Menschen im großen Stil fortzuentwickeln".

Es vergehen aber dann dreißig Jahre, bis Zabor seine weltverändernde Entdeckung macht, mit der er das Wetter beeinflussen kann. Mit der wohlfeilen Ausrede, alle Unterlagen und Geräte seien bei der anschließenden Katastrophe vernichtet worden, muß Eisfeld diese geniale Erfindung nicht beschreiben und kann sich alle konkreteren Angaben sparen:

Zunächst beeinflußt Zabor das Wetter zu Testzwecken nur über München, dann soll es in größere Dimensionen gehen. Die Firma, in der er arbeitet, gehört den Amerikanern, und die wollen den Russen mal so richtig eine reinzünden. Also wird die DDR unter Dauerregen gesetzt. Dummerweise reagieren die östlichen Meteorologen mit einem Konterwetter und versengen damit ganz Mitteleuropa. Zabor begeht Selbstmord; es fehlt ihm, wie es in seinem Abschiedsbrief heißt, "die philosophische Sensibilität, um den Abgrund zu erkennen, in den ich andere und mich hineingestoßen habe".

Bis es endlich soweit ist, hat der Leser einiges durchzustehen, unter anderem ein reichlich schlampig lektoriertes Buch. "Das Genie", als Rückblick von 1996 auf die Gegenwart geschrieben, wimmelt von Anachronismen und weist mit vielen Namen und Buchtiteln aus dem Bildungsschatz des braven Feuilletonlesers den Wunsch. Zabors, "zu einem Generalisten des 20. Jahrhunderts zu werden", als den des Autors aus.

Von SDI über die Grünen bis zu den Skinheads ist alles zusammengerührt, was für den Roman unwichtig ist. Ein Satz wie "Der Zweite Weltkrieg war an sich und seinen Leichen erstickt" ist an der Stelle nicht nur überflüssig, sondern auch noch ziemlich blödsinnig. Während man das halbe Buch darauf wartet, daß sich Zabor endlich als Genie und Wettermacher entpuppt (Eisfeld vergleicht ihn – kann ja nichts schaden – mit Newton und Einstein), muß man unbedingt erfahren, welche französische Automarke mit welchen drei Modellen Zabor bevorzugt.

Eisfeld verschenkt in seinem ersten Roman sein Thema, die Verantwortung der Wissenschaft, mit bemerkenswerter Gründlichkeit. Das liegt vielleicht daran, daß er sich nicht entscheiden konnte, ob er eine Satire oder eine Sonntagspredigt schreiben sollte: "So dachte er nicht an eine Technik engage, sondern an eine Technik pour la technique, und er drehte sich im Kreis." Kann man wohl sagen. Willi Winkler