Von Wilfried Kratz

Das „monetaristische Experiment“ in Großbritannien, das auch im Ausland erst mit Interesse und dann mit Anteilnahme verfolgt wurde, endet nicht mit einem großen Knall. Vielmehr findet die Beerdigung im engsten Familienkreis statt. Die kleine Gemeinde der Trauernden verabschiedet sich peinlich berührt von einem Geschöpf, das nicht gehalten hat, was man sich von ihm versprach.

Die Nachricht von dem bevorstehenden Ableben überbrachte einer der führenden Wissenschaftler. Der Präsident der Bank von England, Robin Leigh-Pemberton, gab zu verstehen, es sei wohl besser, das Konzept der Steuerung der Geldmenge zu beenden. Der an Weisungen gebundene Präsident der Notenbank hätte sich nicht so weit vorgewagt, wenn nicht das Finanzministerium den unglücklichen Indikator namens M3 bereits aufgegeben hätte.

Schon seit einiger Zeit betreibt Großbritannien eine „Geldpolitik nach Gefühl“. Die monetaristischen Ökonomen sind betrübt. Sie beobachten nicht nur, wie ihr in die Praxis umgesetztes theoretisches Gebäude sang- und klanglos auf dem Scherbenhaufen der Wirtschaftsgeschichte landet. Sie verfolgen auch die Motive der Regierung mit tiefem Mißtrauen, denn sie befürchten, daß Opportunismus obsiegt und die Regierung in der Zeit vor den nächsten Wahlen die Zügel der Geld- und Fiskalpolitik schleifen und die Inflation davonschießen läßt.

Die Verfechter der Lehre vom engen Zusammenhang zwischen Geldmenge und Inflation warnen vor „Frau Thatchers gefährlichem Spiel mit der Inflation“ und fordern Finanzminister Nigel Lawson auf, „an den Geldmengenzielen festzuhalten“. Die oppositionelle Labour Party verhält sich dagegen ganz still. Sie kann nicht gut die Regierung zur Beachtung einer Politik mahnen, die sie selbst verurteilt und für die hohe Arbeitslosigkeit verantwortlich macht.

Für das britische Publikum ist die Geldpolitik ein Buch mit sieben Siegeln. Wenn von M3 die Rede ist, dann denkt man hier an den motorway Nummer drei, die Autobahn von London nach Southampton, und nicht an Bargeldumlauf plus Sterling-Bankeinlagen der Inländer. Und die anderen sechs Indikatoren, welche die Geldmenge in unterschiedlicher Weise definieren, sind dem Publikum ebenso unbekannt.

Die Fachwelt denkt anders. Sie horchte auf, als die Regierung Thatcher 1979 ihr Konzept entwickelte. Man sprach von dem „britischen Experiment“ mit den beiden Säulen Angebots- und Geldpolitik. Rückzug des Staates aus der Wirtschaft (Privatisierungen), Funktionsfähigkeit der Märkte (Abbau von Kontrollen, Gewerkschaftsgesetze) und Stimulierung der Unternehmungslust gehörten in die eine Kategorie. Die mittelfristige Finanzstrategie, mit der die Regierung 1980 herauskam, sollte die gesamtwirtschaftliche Steuerung abgeben, die Inflation allmählich „aus dem System herausquetschen“ und die Bedingungen für ein stetiges Wachstum schaffen. Diese Strategie setzte auf vier Jahre voraus Zielgrößen für die Geldmenge und die staatliche Neuverschuldung mit jeweils abnehmenden Raten.