Von Klaus Modick

Als Stupor mundi et immutator mirabilis – als das Staunen der Welt und ihren wunderbaren, Wandler – bewunderten ihn die Zeitgenossen, fürchteten im „Chint von Pülle“, dem Kind aus Apulien, das sich als Siebzehnjähriger im abenteuerlichen Handstreich den Kaiserthron geholt hatte, jedoch auch den „heraufziehenden Antichristen“. Weil er, besonders wegen seiner arabisch beeinflußten Erziehung, früh „an eine völlig objektive Beurteilung und Behandlung der Dinge“ gewöhnt gewesen sei, nannte Jacob Buckhardt ihn „den ersten modernen Menschen auf dem Thron“, modern freilich auch in seiner furchtbaren „Gewaltherrschaft“. Und für Friedrich Nietzsche war der zwischen mittelalterlicher Tyrannenpraxis und aufgeklärter Toleranz schillernde Herrscher „der erste Europäer nach meinem Geschmack“: der Staufer Friedrich II. (1194-1250), Machtpolitiker und Ornithologe, Kreuzfahrer und religiöser Skeptiker, Dichter und empirischer Wissenschaftler.

Unter dem Geröll von Fakten, Gerüchten und Legenden, unter Zuhilfenahme, aber gelegentlich auch fruchtbarer Mißachtung historischer Forschungen, hat nun der Wissenschaftsjournalist Horst Stern, Jahrgang 1922, die gewissermaßen leibhaftige Gestalt des Manns aus Apulien in eigenwilliger Form freigelegt.

Sterns literarische Konstruktion, in der er den amtsmüden Friedrich zur Feder greifen läßt, um „den Firnis gefälliger oder gehässiger Chronistenberichte“ von sich abzuheben, „der mein wahres Bild und das, welches ich mir von der Welt mache, verdunkelt“, zielt nur indirekt auf eine Erhellung der hochkomplizierten, politischen Karriere des Staufers. Deren janusköpfige Widersprüchlichkeit changierte zwischen einem fortschrittlichen, die Renaissance antizipierenden Denken und einem unzeitgemäßen Handeln (was seinen Ausdruck etwa darin fand, daß Friedrich die historische Rolle der aufstrebenden Städte völlig verkannte).

Politik also gehört nicht „in diese Papiere, doch ist sie ... als quasi Leib meiner Seele, der allein diese privaten Exegesen gelten sollen, schier unverzichtbar.“ In einer Szene von großer Eindringlichkeit, in der Friedrich seinen von Alter und Krankheit deformierten Körper betrachtet, werden diesen physischen Merkmalen der Veränderung bestimmte Stationen seines öffentlichen Lebens zugeordnet. „Das große Ganze“, die Abstraktion der Geschichte, versinnlicht sich zu persönlichen Geschichten; persönliche Geschichten aber werden erst abrufbar, erzählbar, weil sie ihre Spuren in der leiblichen Physis hinterlassen. Hier macht sich ein Bewußtsein, das auf die Trennung von Geist oder Seele vom Körper sich nicht einläßt, an eine radikale Erinnerungsarbeit, in deren Verlauf im Leser ein Mensch entsteht – aus Fleisch und Blut, aus Sperma und Schweiß, aus Kot und Auswurf. Kein sich auf dem Thron spreizender Kaiser stilisiert hier seine Heroengescnichte, sondern ein liebender, bis zum Exzeß sinnlicher und leidender Mensch, der sich noch dem eigenen Verfall neugierig entgegenneigt, macht sich selbst den Prozeß.

Dieser rücksichtslosen Sinnlichkeit entspricht auf der philosophisch-intellektuellen Ebene der experimentierende Empirismus Friedrichs, der sich an der spekulativen Tradition des Aristoteles abarbeitet – und diese verwirft: „Ich zog mich auf das zurück, was ich am besten kann, besser als die Besten: zu denken, was vom Sehen kommt.“ Denn nicht Ideenlehre, sondern „nur das groß gesehene Kleine“ verspricht „Erfahrung von Natur“. Solche Erfahrung, anschaulich gemacht an Landschaftsbeschreibungen, die in ihrer Verschränkung des ästhetischen Blicks mit dem Wissen um den Aufbau des einzelnen von beispiellosem Reiz sind, führt schließlich zu der Einsicht, „daß das Konkrete das Schwierige und das Abstrakte das Einfache ist“. Interessiert und beschlagen in Mathematik, Architektur und Physik, von den Aufgaben der Administration ganz zu schweigen, ist Friedrichs eigentliche Passion die Ornithologie. Die Ergebnisse seines Buches „Über die Kunst mit Vögeln zu jagen“, in denen sich Anleitungen zur Falknerei mit präzisen Verhaltensstudien verbinden, sind im Grunde erst durch die Arbeiten Konrad Lorenz’ eingeholt worden. Und natürlich spricht aus Friedrich der Autor Stern selbst (der, von Lorenz unmittelbar beeinflußt, seit 1969 mit seinen Naturstudien in Büchern und Filmen für Aufsehen gesorgt hat), wenn die Summe der Beobachtungen gezogen wird: Während Franz von Assisi (die große, historisch nicht belegbare Auseinandersetzung mit ihm ist ein Herzstück des Buches) das Tier „brüderlich“ für voll nahm, begreift Friedrich es „autonom“. „Daß die Tiere Wesen sui generis seien, um ihrer selbst willen auf der Welt, zu keinem anderen Zweck, und daß alles, was wir mit ihnen anstellen, mißbräuchlich ist“ – selbst wenn es aus Liebe zu ihnen geschieht.

Bildet Franz von Assisi, den Stern als eine Art utopischen Sozialisten deutet, die moralische und soziale Kontrastfolie zu Friedrich, so ist es sein Brief-, Schrift- und gar Gedichtwechsel mit Walther von der Vogelweide, der ihn von der Erkenntnispotenz der Literatur überzeugt. In einer brillant-witzigen Interpretation weist ihm Friedrich nach, daß sein Gedicht „Unter der Linde/auf der Heide“ von ökologischer Unkenntnis nur so strotzt, daß der Dichter gegenüber der besungenen Natur blind gewesen sei; doch muß Friedrich sich belehren lassen und räumt ein: „Wer alle Wesen und Dinge penetrant und gefallsüchtig benennt, bewirkt nur, daß sie Laut geben wie ein auf das Enttarnen von heimlichem Wild abgerichteter Hund.“