Vor dreihundert Jahren erklärte Isaac Newton, die Arbeit der Wissenschaftler führe vom Speziellen zum Allgemeinen; sie beobachteten erst die Phänomene um später allgemeine Schlüsse daraus zu ziehen. In seiner Principia schreibt er: „In der experimentellen Philosophie werden von den Phänomenen bestimmte Folgerungen abgeleitet und danach zu allgemeinen Aussagen erweitert.“ Karl Popper bezweifelt dies. Er meint, am Anfang steht die Phantasie: Wissenschaftler stellen zunächst Hypothesen auf, danach erst prüfen sie diese an Beobachtungsdaten.

Erweist sich eine Hypothese als unzulänglich, formuliert der Forscher eine andere, verbesserte, die erneut experimentellen Tests unterworfen wird. Auf diese Weise hat sich die Wissenschaft im Wechselspiel zwischen einfallsreichen Mutmaßungen und experimentellen Widerlegungen entwickelt. Popper hat diese Ideen in seinem Buch „Vermutungen und Widerlegungen“ ausführlich behandelt. In seinem anderen großen Werk, „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ (Verlag Francke, Bern 1957), wendet sich Popper gegen all jene Philosophien, die behaupten, die Zukunft der Menschheit sei durch ihre Vergangenheit festliegt. So lehnt er zum Beispiel Karl Marx’ Behauptung ab, daß die Widersprüche im Kapitalismus zum Klassenkampf und zur Diktatur des Proletariats führen müßten. Popper bestreitet die Existenz historischer Gesetzmäßigkeiten. Er ist der Ansicht, daß unsere Zukunft in unseren eigenen Händen liegt. Den Determinismus verabscheut er in jeder Gestalt.

Die gleiche philosophische Haltung bestimmt Poppers Gedanken über die Evolution der Arten. Er akzeptiert den Darwinismus und definiert ihn als ein Gesetz, demzufolge „Organismen, die sich besser anpassen als andere mit entsprechend größerer Wahrscheinlichkeit Nachkommen haben werden“. Aber er gibt zu bedenken, daß es für Theorien immer wichtig sei, Konkurrenz zu haben; und weil der Darwinismus keine Konkurrenten besitzt, erfindet Popper einen, indem er den Darwinismus in eine passive und eine aktive Form aufspaltet.

Mit passivem Darwinismus meint er offensichtlich die allgemein anerkannte Theorie, nach der zufällige Mutationen und natürliche Auslese unweigerlich zur Entwicklung höherer Lebensformen führen. Popper verwirrt diese Theorie als deterministisch; sie ist für ihn nur eine andere Lesart des philosophischen Historismus, mit dem er in „Die offene Gesellschaft“ abgerechnet hat. Er erklärt: „Die charakteristischen Eigenarten des Individuums haben einen stärkeren Einfluß auf die Evolution als die natürliche Auslese“ und „die einzige schöpferische Aktivität in der Evolution ist die Aktivität des Organismus“. Seiner Ansicht nach haben sich die Organismen vom Beginn des irdischen Lebens an um bessere Existenzbedingungen bemüht; denn Anpassung schließt die Fähigkeit ein, aktiv nach Nahrung zu suchen. Die Umwelt ist passiv; nur Organismen sind aktiv, weil sie nach günstigeren Nischen für sich Ausschau halten – Popper sieht in dieser Aktivität die primäre Triebkraft der Evolution.

Für ihn ist der passive Darwinismus eine falsche Einschätzung der Anpassung, Produkt irriger deterministischer Ideologien, welche die Biologie beherrscht haben und die sich heutzutage in der Soziobiologie niederschlagen. Wir sollten statt dessen die Evolution als einen gewaltigen Lernprozeß verstehen, als eine aktive Vorliebe der Arten für bessere Lebensbedingungen.

Nehmen wir an, sagt er, wir könnten Leben im Reagenzglas herstellen. Ein solcher Organismus wird per definitionem nicht an das Reagenzglas angepaßt sein, und er kann auch keine vorteilhaftere Umgebung suchen. Wir müssen deshalb die Bedingungen im Reagenzglas den Bedürfnissen des Organismus anpassen, was eine Menge Wissen voraussetzt. In der Natur hingegen hat das irdische Leben wahrscheinlich nicht nur einmal begonnen, sondern viele Male erfolglos, bis ein Lebewesen entstand, das sich anzupassen wußte, indem es sich aktiv günstigere Umweltbedingungen suchte. Popper setzt also Anpassungsfähigkeit mit Wissen gleich, freilich nicht mit einem strukturellen, sondern einem funktionellen Wissen – vergleichbar der Chemotaxis von Mikroorganismen, das heißt ihrer Fähigkeit eine bestimmte Chemikalie zu erkennen und sich in ihre Richtung zu bewegen. Dies sei eine Vermenschlichung, räumt er ein, aber ohne vermenschlichend zu denken, könnten wir keine Biologie betreiben.

Popper weist auch darauf hin, daß die natürliche Auslese nicht mit der künstlichen Auslese bei Züchtungen vergleichbar ist; dies sei nur ein von Darwin benutzter Vergleich. Selektionsdruck ist eine treffendere Bezeichnung als natürliche Auslese. Auch diese Formulierung ist nicht frei von zielgerichteten Obertönen, aber dies ist unvermeidbar; denn Organismen sind in ihrem Streben nach, gedeihlicheren Lebensbedingungen Problemlöser – schon die niedrigsten Wesen verfolgen nach der Methode von Versuch und Irrtum ein bestimmtes Ziel.