Bochum, 1. November. Regen fällt aus dem grauen Himmel über der grauen Stadt. Richard Serras Plastik am Hauptbahnhof ist nun endgültig verrostet und verrottet, nach zahllosen Farbbeutelwürfen über und über bekleckert. Aus den Union-Lichtspielen in der Fußgängerzone, einst Schauplatz für Zadeks wüsten „König Lear“, ist ein Kartonkino mit gleich zehn Schachteln geworden. Jenes schon legendäre Hotel, in dem man einst Minetti im Fahrstuhl treffen konnte, wird heute bewohnt und belagert von einer wunderlichen Heerschaar, den Teilnehmern der 68. Deutschen Amateurboxmeisterschaft: Kämpfer, Kampfrichter, Kämpferbräute.

1. November, Allerheiligen in Bochum. Wie tut es gut, an einem solchen Tag, an einem solchen Ort ins Theater gehen zu dürfen. Bereits um fünf Uhr nachmittags beginnt im Schauspielhaus die Premiere, Friedrich Hebbels „Nibelungen“, inszeniert hat der neue Hausherr, Frank-Patrick Steckel. Man sitzt im Theater, und wie so oft in Bochum hat man nun das Gefühl: Gerettet!

Doch wenn dann der eiserne Vorhang (auf den jemand mit Kreide den Titel des Abend geschrieben hat) hochgeht, blickt man wohin? Ins Leere und Graue. Ein monumentaler, straßenbreiter Laufsteg, leicht ansteigend und zur Seite gekippt, führt diagonal durchs ganze offene Bühnenhaus. Auf der kahlen Spielfläche sitzen Männer in wollenen Umhängen (an Pilger erinnern sie, an Flüchtlinge) und starren trübsinnig vor sich hin. Nach langer Zeit fragt einer (Hagen Tronje/Wolf Redl), ob man denn nicht zur Jagd gehen wolle heute. Schweigen. Nach wiederum langer Zeit die trostlose Antwort: keine Jagd, denn es ist Ostertag heute. Und wieder senkt sich Schweigen wie Blei auf die müde Männerrunde.

Irgendwann später schleppt sich ein matter Jüngling auf die Bühne und behauptet, daß er Siegfried sei, der Drachentöter. Auch seine Zunge ist schwer, und schlaff baumeln die Arme am schmächtigen Leib.

Nein, das ist nicht der holde Knabe im lockigen Haar, auch nicht die blonde Mordmaschine und schon gar nicht die explosive Mischung aus beiden. In Bochum spielt man „Heldendämmerung“ – und da macht es nichts, da paßt es genau, wenn Jung Siegfried ungefähr das Charisma eines schwermütigen Bäckerlehrlings hat.

Auf der Bühne hocken, über die Bühne schleichen, in gediegen-geometrischen Arrangements: die Todgeweihten. Alle paar Sekunden tröpfelt ein Satz von ihren Lippen, und da weiß man schon, welchem Kunstgesetz der Abend folgen wird: der Ästhetik der Wasserfolter. Kein blutigbuntes Märchen wird uns Steckel zeigen, sondern ein bleiches deutsches Requiem. Ein szenisches Oratorium. Ein Bühnenweihefestspiel. Wagners Zeitmaß, doch ohne Wagners Musik.

Eine Art Aschermittwochstheater, nach Zadeks Babylon und Peymanns Illyrien. Jetzt also weht der heiße Atem Dithmarschens durch Bochums ruhmreiches Schauspielhaus. Ein deutsches Trauerspiel, auf die denkbar deutscheste Art exekutiert. Kurzum: ein Abend radikalen Theaters.