Quot capita, tot sensus“ – wie viele Köpfe, so viele Meinungen – beschrieb der römische Poet Horaz einmal die Meinungsvielfalt unter seinen Mitmenschen. Ähnliches gilt wohl für die regelmäßig erscheinenden Gewinnschätzungen der Bankanalysten für die börsennotierten Aktiengesellschaften hierzulande. Während etwa die X-Bank für eine bestimmte Gesellschaft ein Ergebnis von zehn Mark je Aktie errechnet hat, kommt die Y-Bank lediglich auf ein Resultat von fünf Mark. Kein Wunder, daß die Anleger durch die unterschiedlichen Ertragsprognosen verunsichert werden und fragen, warum die Bankexperten zu teilweise weit auseinanderklaffenden Schätzungen gelangen.

Die verschieden ausfallenden Gewinntaxen haben natürlich auch Auswirkungen auf das Geschehen an der Börse. Fallen etwa die Ertragserwartungen für eine analysierte Branche negativ aus, gehen die Aktienkurse der betreffenden Unternehmen auf Talfahrt, und die Anteilseigner beklagen empfindliche Einbußen. Die Analysten müssen deshalb schon sehr sorgfältig vorgehen und versuchen, sämtliche Einflußgrößen bei ihren Berechnungen zu berücksichtigen. Das gelingt freilich nicht immer. Wer hätte etwa für 1986 mit einem Sturz des Dollarkurses auf unter zwei Mark gerechnet und damit erhebliche Abstriche für die heimische Exportindustrie in seinen Berechnungen einkalkuliert?

Genereller Ausgangspunkt für die Gewinnanalysten sind die konjunkturellen Rahmenbedingungen. Hierzu zählen die wirtschaftliche Entwicklung, das erwartete Zinsniveau sowie die Situation an den Devisenmärkten. Dann müssen branchenspezifische Daten herangezogen werden. Dazu gehören beispielsweise die jüngsten Wachstumsraten innerhalb eines Wirtschaftsbereichs, eingeleitete Investitionsprogramme oder Maßnahmen zur Umstrukturierung. Zuletzt wird das Unternehmen selbst unter die Lupe genommen, dem beispielsweise durch ein neuartiges Produkt besonders gute Absatzchancen eingeräumt werden können.

Damit die auf diese Weise geschätzten Gewinne eine Aussagekraft für die Börse haben, wird das ermittelte Ergebnis durch die jeweilige Anzahl der vorhandenen Aktien dividiert. Daraus leiten die Profis dann das sogenannte Kurs/Gewinn-Verhältnis (KGV) ab. Hierbei wird der jüngste Kurs der Aktie ins Verhältnis zum veranschlagten Gewinn pro Aktie gesetzt, um damit einen Vergleich mit den übrigen Börsengesellschaften zu erhalten. Die Kurs/Gewinn-Ziffer gibt an, mit welchem Ertrag ein Papier an der Börse derzeit bewertet wird. Soll das Ergebnis bei BMW etwa im nächsten Jahr bei 44 Mark liegen, errechnet sich bei einem Aktienkurs von 580 Mark ein KGV von 13,2.

Auch die jetzt vorgelegten Schätzungen, die im Schnitt höhere Gewinnvorhersagen für 1987 enthalten, zeigen bei den einzelnen Unternehmen erhebliche Unterschiede. So veranschlagte die BHF-Bank das Ergebnis bei dem Sportwagenhersteller Porsche für 1987 auf 75 Mark pro Aktie. Im laufenden Geschäftsjahr sollen die Zuffenhausener noch 92 Mark verdienen. Wesentlich pessimistischer gibt sich da das Team der Commerzbank für Porsche, das dem Autokonzern nur noch 50 Mark nach 90 Mark in 1986 zutraut. In der recht ungünstigen Prognose schlägt sich offensichtlich die Erwartung nieder, daß der Dollar auf einem niedrigen Niveau verharrt. Die Experten der Citibank liegen mit ihrer Gewinntaxe von 75,80 Mark über den Prognosen ihrer deutschen Kollegen, glauben aber auch, daß Porsche künftig den Gürtel enger schnallen muß.

Uneinigkeit besteht unter den Bankanalysten auch bei den Gewinnschätzungen für Daimler. Die Citibank tippt auf unveränderte 77 Mark, die Commerzbank auf 80 Mark (1986: 80,50) und die BHF-Bank auf 92 Mark nach 83 Mark. Noch optimistischer gibt sich die Bank für Gemeinwirtschaft (BfG), die den Hersteller der Nobelkarossen auf 95 Mark (88 Mark) taxiert. Dagegen fallen bei den Chemiegesellschaften die Abweichungen vergleichsweise gering aus. Geht es nach den Berechnungen der Commerzbank, wird BASF im nächsten Jahr 33 Mark verdienen. Der Citibank zufolge bringen es die Ludwigshafener auf 32,50 Mark, die BHF-Bank schätzt 34 Mark. Die günstigste Prognose geben hier erneut die BfG-Analysten ab, die ein Ergebnis von 36 Mark voraussagen. Bei Bayer schwanken die Ertragserwartungen zwischen 42 Mark (BfG) und 49 Mark (BHF-Bank). Allen Schätzungen ist jedoch gemein, daß die Erträge der drei Chemieriesen im nächsten Jahr höher ausfallen sollen als 1986.

Erhebliche Diskrepanzen bestehen hingegen bei den Kaufhäusern. Da die Binnennachfrage immer mehr in die Rolle des Wachstumsmotors für die heimische Konjunktur schlüpft, werden die Chancen für den Konsumbereich besonders gut eingestuft. In den Gewinnschätzungen für die Warenhaustitel kommen diese Erwartungen jedoch sehr unterschiedlich zum Ausdruck. Während die Citibank das Ergebnis bei Karstadt bei zehn Mark ansiedelt, rechnen die BHF-Analysten mit 12,50 Mark. Dagegen ermittelte die Commerzbank für den Essener Kaufhauskonzern 20 Mark. Das sind sogar zwei Mark mehr als für den Konkurrenten Kaufhof von der Commerzbank geschätzt werden, den die anderen Banken im Ertrag besser als Karstadt einstufen.