Rosenberger fragt sich immer wieder nach dem Unterschied zwischen Emigranten und Asylanten. In New York, wo er Ende 1937 zusammen mit seinem Onkel von der Einwanderungsbehörde abgefertigt wurde, gab es Emigranten, die entweder nachweisen konnten, daß sie sich einen Namen gemacht hatten oder in ihrem Fach etwas galten. Aber Rosenberger mußte eigentlich noch zur Schule gehen; sein Vater hatte ein Herrenoberbekleidungsgeschäft gehabt, seine Eltern hatten Selbstmord durch Gas verübt, und Rosenberger brach die Balkontür auf, weil die Wohnungstür verriegelt war.

Sein Onkel war Buchhalter in einem Warenhaus gewesen und sagte in New York zum Chef einer Ladenkette, daß er Jude sei und auch politisch verfolgt wurde und aus Deutschland käme. Der Chef sagt: „Wenn Sie Deutscher sind, dann sind Sie der Richtige, daß Sie Jude sind, ist Ihre Sache.“ Und Rosenberger, der sich für Elektrotechnik interessierte; sagte sich, mach’ es doch genau so wie dein Onkel, und sagte zu dem Chef eines Elektroladens, daß er Emigrant sei und aus Deutschland käme. Daß er Jude ist, vergaß er in der Aufregung. „Wenn Sie Deutscher sind, verstehen Sie Ihr Fach“, sagte der Chef, und Rosenberger brachte sich selber alles Notwendige bei.

Und nun findet Rosenberger, der seit sechs Jahren wieder in Deutschland ist, er hatte den amerikanischen Elektro-Laden 1957 gekauft und um zwei Filialen erweitert und 1980 alles wieder verkauft, um in die Heimat zurückzukehren und gesünder zu leben und eine Menge für seine Erinnerungen zu tun: Emigrant, das hört sich viel besser an als Asylant, als Emigrant kam man sich auch nicht wie ein Eindringling vor, man wechselte die Sprache und war so fleißig wie bisher und verbesserte laufend die Fachkenntnisse, und manchmal schien es, als wäre man nur für längere Zeit auf Reisen. Und ständig blieb der gute Ton.

Und Asylanten? Das hört sich so nach Leuten an, die in Obdachlosenasyle gesteckt werden müssen, nicht mehr wie früher: rein in den Gestank, sondern mit Betten, Duschen, Freifahrscheinen und den Dauerblicken in die Ferne. Und Rosenberger überlegt: Welcher Tamile, der sich, wie er, für Elektrotechnik interessiert, wird später als anerkannter politischer Flüchtling in einen Elektro-Laden gehen können, um es so ähnlich zu machen wie er, Rosenberger, damals Mitte 1937?

Und Kurt Rosenberger stellte fest: Emigranten und Asylanten – die Ungleichheit entsteht schon durch die Begriffe. Aber je länger er immer wieder darüber nachdenkt, desto öfter spürt er selbst einen ironischen Ton in seiner Stimme und sagt sich: Man soll möglichst keine Vergleiche ziehen, ein Begriff löst eben mit der Zeit den anderen ab, und der Tod Gott sei Dank das Leben.