/ Von Dietrich Kreidt

Ein etwas vorschnippischer Philosoph, ich glaube Hamlet, Prinz von Dänemark, hat gesagt, es gebe eine Menge Dinge im Himmel und auf der Erde, wovon nichts in unseren Compendiis steht. Hat der einfältige Mensch, der bekanntlich nicht recht bei Trost war, damit auf unsere Compendia der Physik gestichelt, so kann man ihm getrost antworten: Gut, aber dafür stehen auch wieder eine Menge von Dingen in unseren Compendiis, wovon weder im Himmel noch auf der Erde etwas vorkömmt.“

Georg Christoph Lichtenberg war souverän genug, in den Spott, den er über die Gelehrsamkeit seiner Zeit ausgoß, seine eigene Person mit einzubeziehen. Viele seiner Aphorismen schildern Träume und Alpträume, Irritationen, bei denen sich das eigene Denken und Fühlen auf Abwegen ertappt, Abweichungen von der Norm des Vernünftigen, der sein Zeitalter huldigte.

Daß ein kompromißloser Aufklärer wie Lichtenberg sich dazu bekannte, der abergläubischste Mensch der Welt zu sein – niemand dürfte über diese paradox scheinende Tatsache weniger erstaunt sein als Jean Starobinski. Der 1920 in Genf geborene Schriftsteller hat mit dem Skeptiker Lichtenberg überhaupt einiges gemeinsam: Naturwissenschaftler alle beide, der eine im 18. Jahrhundert eine Kapazität auf dem Gebiet der Experimentalphysik, publizistisch aber mit Vorliebe als Kultur- und Kunstkritiker tätig; Mediziner der andere, mit gründlichen Kenntnissen der Psychoanalyse ausgestattet, heute Professor für Literatur- und Geistesgeschichte an der Universität Genf.

Diese seltene Kombination von Talenten hat etwas mit dem enzyklopädischen Geist des Jahrhunderts zu tun, dem Georg Christoph Lichtenberg entstammt und mit dem Jean Starobinski sich vorzugsweise beschäftigt. Montesquieu, Diderot, immer wieder Jean-Jacques Rousseau, de Sade, Mozart und Goya sind Schlüsselgestalten in Starobinskis Untersuchungen, und wie man schon an diesen Namen sieht: Es sind nicht gerade die einfachsten, eindeutigsten Gestalten und Phänomene, auf die sein Blick sich richtet. Gleiches gilt für sein Verhältnis zu Autoren der Moderne, hier sind es Namen wie Baudelaire, Kafka, Breton, Freud.

Einige der wichtigsten Arbeiten Starobinskis sind auch bei uns in Übersetzungen erschienen: „Psychoanalyse und Literatur“, 1974; „Besessenheit und Exorzismus“, 1975; „Rousseaus Anklage der Gesellschaft“, 1977; „1789 – Die Embleme der Vernunft“, 1980; „Porträt des Künstlers als Gaukler“, 1985.