Von Michi Strausfeld

Das ist das drittemal, daß ich einer Einladung von euch Deutschen in einer Woche folge. Da siehst du, wie sehr wir euch mögen.“ Dies sagte José Maria Guelbenzu, Romancier und Verleger in Madrid, wo soeben ein fünftägiges Treffen zwischen spanischen und deutschen Autoren mit ihren Übersetzern und Verlegern zu Ende gegangen ist. Eine überaus erfolgreiche Woche, die der Direktor des Goethe-Instituts, Marschall von Bieberstein, zusammengestellt hatte. Alle Eingeladenen kamen: Horst Bienek, Hans Magnus Enzensberger, Martin Walser, Juan Benet, Rosa Montero, Alvaro Pombo, Javier Tomeo und Esther Tusquets; dazu ihre Übersetzer und Verleger aus Deutschland und Spanien.

Eines rückte während der Veranstaltungen schnell in den Vordergrund: Die Autoren, Verleger und Übersetzer, die den Kulturaustausch via Buch ja gemeinsam betreiben, stehen vor größeren Schwierigkeiten, sobald es um Spanisches und Deutsches geht. In beiden Ländern wächst das Interesse füreinander, klaffen große Wissenslücken; es fehlen jedoch mehr qualifizierte Übersetzer und Informanten. Die deutschsprachige Literatur der Gegenwart wird in Spanien geschätzt und gekauft. Martin Walser und Horst Bienek, die zum erstenmal nach Madrid kamen, waren erstaunt, daß ein so großes Publikum einer zweisprachigen Lesung zuhörte. Desgleichen häuften sich die Anfragen nach Interviewterminen. Das Echo in den Medien war vorzüglich.

Die spanischen Verleger publizieren seit Jahren, trotz vieler Schwierigkeiten, kontinuierlich deutschsprachige Literatur, beklagen jedoch die schrumpfenden Sprachkenntnisse im Land: Es scheint, als sei das Deutsche zu einem seltenen Pflänzchen geworden. In Deutschland stimmt das Panorama ebenfalls nicht optimistisch: Die zeitgenössische Literatur Spaniens stand jahrzehntelang im allgegenwärtigen Schatten Francos, war mit Klischees beladen und weckte wenig Neugier. Heute steht sie im Schatten der lebendigen hispanoamerikanischen Romane, die die Arbeitskraft der ebenfalls zu wenigen Übersetzer vollauf beanspruchen. Für Spanien bleibt wenig Platz: Die Romantrilogie von Juan Goytisolo liegt vor, desgleichen erste Titel von Juan Benet, Javier Tomeo und Esther Tusquets. Weitere Romane von bei uns unbekannten Autoren stehen in Vorbereitung, da es sich herumzusprechen beginnt: Zehn Jahre nach Francos Tod gibt es „plötzlich“ die langerwarteten neuen Bücher von neuen Schriftstellern.

Insgesamt jedoch findet der Literaturaustausch zwischen beiden Ländern per Bummelzug statt. Da fällt das Kennenlernen schwer, die Entfernungen wirken größer, die Pyrenäen werden zum Hindernis. Was eigentlich steht einer Beschleunigung im Wege, wenn unübersehbare Nachfrage besteht (wie die Literaturveranstaltungen der „Iberoamericana“ in Hamburg im September ebenfalls verdeutlichten)?

Die Antwort fällt leicht: In beiden Ländern mangelt es an Sprachkenntnissen. Jedes Jahr versammeln sich am Abend vor Beginn der Einschreibung in die Goethe-Kurse in Madrid die Lernwilligen, mit Wolldecke und Thermosflasche, um bis zum nächsten Morgen auszuharren. Marschall von Bieberstein empfindet es als beschämend, daß sich die Schlange um den ganzen Häuserblock zieht, daß die Plätze so heiß begehrt sind. 2500 Schüler können sich immatrikulieren, und viele von ihnen versprechen sich durch Deutschkenntnisse vor allem bessere Arbeitsmöglichkeiten. An den deutschen Schulen lernen insgesamt etwa 4600 Spanier Deutsch, an den Goethe-Instituten etwa ebensoviele (aber Erwachsene); an den siebzehn offiziellen spanischen Sprachschulen 7500, an den spanischen staatlichen Oberschulen etwa 1500, über die Privatschulen liegen keinerlei Schätzungen vor. Es gibt sieben Lehrstühle für Germanistik, von denen drei besetzt sind: Salamanca, Sevilla, Santiago. Überall steigt die Nachfrage, aber das Angebot ist dürftig.

In Deutschland lernen vermutlich etwa 30 000 Schüler Spanisch, zwischen 80 000 und 120 000 Personen besuchen Volkshochschulkurse. An den Universitäten gibt es dreizehn ordentliche Lehrstühle für Hispanistik, ansonsten bleibt Spanien/Lateinamerika der Romanistik untergeordnet. Dennoch verkehren sich in den letzten Jahren die Proportionen: Immer mehr Studenten entscheiden sich für Spanisch, an vielen Universitäten haben sie bereits die Romanisten auf den zweiten Platz gedrängt. Es ist bestimmt nicht übertrieben, von einem Trend zum Spanischen zu sprechen, obgleich die Möglichkeiten für die Schüler, Spanisch als zweite Fremdsprache zu lernen, in kaum einem Bundesland ausreichend existieren. Vergleichszahlen zum Latein weisen dem Spanischen eine Zwergenrolle zu – bei mehr als 250 Millionen Spanischsprechenden in der Welt!

Die Erfüllung des Kulturabkommens aus dem Jahre 1954 (vor allem Artikel 5, Ausbau und Förderung des Sprachunterrichts) ist dringlich erwünscht, nach Eintritt Spaniens in die EG und angesichts der vielen Festlichkeiten des Jahres 1992 – Olympiade Barcelona, Weltausstellung Sevilla, Fünfhundert-Jahr-Feier der Entdeckung Amerikas – sogar unverzichtbar. Und in Erwartung großer Entscheidungen bleiben einstweilen die kleinen, und dennoch wirkungsvollen Initiativen: die „Woche des deutschen Buches in Madrid 1985“, auf dem auch ein Übersetzerpreis verliehen wurde an einen Spanier und an einen Deutschen, der in diesem Jahr am Ende des „Treffens“ wieder vergeben werden konnte: Rudolf Wittkopf erhielt ihn für seine Übersetzungen von Lorca, Eustaquio Barjau für die von Handke, und beide für ihre großartige Tätigkeit insgesamt. Im November kommen Lektoren, Übersetzer und Autoren nach Barcelona, um die Gespräche der „Semana“ auch in diesem Jahr weiterzuführen, Informationen auszutauschen, das Katalanische kennenzulernen. Die Leser freuen sich bereits: erwartet werden Horst Bienek, Peter Härtling, Martin Walser und Christa Wolf.