Der große Brand im Lager einer Baseler Chemiefirma führte zu Katastrophenalarm im deutschschweizerischen Grenzgebiet – und rief die Risiken der Chemie lehrstückhaft in Erinnerung.

Entzündet hatten sich rund 800 Tonnen Agrochemikalien auf dem Gelände der Baseler Firma Sandoz, vor allem Phosphorsäureester. Diese Insektizide sind starke Nervengifte, und die bei Sandoz gelagerten Mengen hätten theoretisch durchaus genügt, um Zehntausende von Menschen zu töten.

Trotzdem kamen keine Menschen zu Schaden, weil das gefährliche Material durch die Verbrennung weitgehend zerstört wurde. Vom Löschwasser mitgerissenes Insektengift gelangte indes in den Rhein. Der Fluß ist jetzt auf mehreren Kilometern biologisch nahezu tot.

Sandoz hatte zunächst versucht, den Inhalt des brennenden Lagers geheimzuhalten. Neben den gefährlichen Phosphorsäureestern brannten auch zwölf Tonnen quecksilberhaltiges Saatbeizmittel. Dessen Anwendung ist in vielen Ländern untersagt – unter anderem, weil körnerfressende Tiere an quecksilber-gebeizter Saat scharenweise verendet sind. Laut Sandoz sollte das Mittel auch nicht verkauft, sondern „aufgearbeitet“ werden.

Obwohl der Katastropheneinsatz in vieler Hinsicht vorbildlich ablief, blieben Pannen unübersehbar. Viele verschliefen den Alarm, weil die Sirenen im Großraum Basel nicht funktionierten. Und im Nachbarland Frankreich blieb die Nachricht vom Anflug einer potentiell gefährlichen Giftwolke einfach bei den Behörden hängen. Ein Meßsystem zur Kontrolle von Schadstoffen in der Luft über der Chemiestadt zeigte sich vom Großbrand unbeeindruckt: Obwohl tonnenweise Phosphor und Schwefel verbrannten und ein Gestank nach faulen Eiern über weiten Teilen des Stadtgebiets lag, schlugen die Zeiger nicht aus. Ein Chemiker spottete: „Die menschliche Nase ist wieder einmal das empfindlichste Meßinstrument.“

Auch wenn die Basler und ihre Nachbarn noch einmal mit einem blauen Auge davongekommen sein dürften, hat das nächtliche Feuerwerk ein bisher viel zu wenig beachtetes Risiko in ein grelles Licht getaucht: die chemischen Großlager. Die bei Sandoz gestapelten Fässer galten bisher nicht als brandgefährdet; schließlich sollten sie selbst einem Sturz aus zehn Metern Höhe standhalten können. Auch die Versicherungen haben bislang das Risiko solcher Lager unterschätzt.

Allein in der Schweiz sind der Neuen Zürcher Zeitung zufolge zweitausend bis dreitausend Anlagen im Betrieb, die PCB enthalten; die entsprechende Zahl für die Bundesrepublik dürfte fünf- bis zehnmal höher liegen. Eine Unzahl anderer Stoffe, die tonnenweise produziert und gelagert werden, können bei unkontrollierter Verbrennung hochgiftige Produkte bilden und so im schlimmsten Fall ganze Regionen gefährden oder gar nachhaltig verseuchen.

Nicht zuletzt durch ihre Allgegenwart birgt die Chemie Risiken, die mit jenen der zivilen Nutzung der Kernenergie durchaus vergleichbar sind oder sie sogar übertreffen. Das ignorieren viele. Um in Basel zu bleiben: Die Stimmbürger des Stadtkantons haben ihre Regierung zwar beauftragt, den Bau eines Kernkraftwerks im benachbarten Kaiseraugst zu verhindern – von einer Debatte über einen Ausstieg aus der Großchemie ist in der Schweizer Chemiestadt freilich wenig zu hören. Ein durchaus typischer Basler Bürger meinte: „Es hat doch alles funktioniert. Die Gasmasken, die Meßtrupps, das Alarmsystem.“ Hans Schuh