Paris hat sich auf einen dubiosen Handel mit Syrien eingelassen

Von Roger de Weck

Paris, im November

Großbritannien brach am 24. Oktober die diplomatischen Beziehungen zu Syrien ab. Vier Tage später veröffentlichte die saudiarabische Wochenzeitung Al Majalla ein Interview mit dem französischen Innenminister Charles Pasqua: „Die syrische Führungsspitze ist Frankreich gegenüber sehr guten Willens. Ich glaube, daß es nun zwischen den syrischen und den französischen Diensten eine echte Zusammenarbeit gibt.“ Der Franzose lobte die Syrer, „die bereit sind, alles zu tun, um uns zu helfen“.

London bricht und Paris spricht mit Syrien. „Frankreich hat eine Nahostpolitik, anders als viele unserer (europäischen) Partner ist es dort präsent und aktiv“, rechtfertigte sich Außenminister Jean-Bernard Raimond. Derzeit konzentrieren sich die Aktivitäten der Regierung in Paris darauf, die französischen Geiseln im Libanon freizubekommen. In wessen Hand sind die acht seit Monaten festgehaltenen Franzosen? Die Entführer gehören anscheinend verschiedenen Gruppen proiranischer Fanatiker an, von denen einige im syrischen Einflußgebiet operieren. Premierminister Jacques Chirac beging einen schlimmen, taktischen Fehler, als er zu erkennen gab, daß die Befreiung der Geiseln sein vorrangiges Ziel ist. Wo der sozialistische Präsident Mitterrand in seinen Bemühungen gescheitert war, will der gaullistische Premier Chirac einen großen Erfolg vorweisen, der ihm zum Sieg bei den nächsten Wahlen verhelfen könnte. Freilich begab sich Chirac damit in die Abhängigkeit Syriens und des Iran, auf deren Unterstützung er angewiesen ist.

Nun scheint der französische Premier dazu verurteilt, Damaskus und Teheran weiter zu hofieren. Er mußte so tun, als glaube er den Unschuldsbeteuerungen der Syrer mehr als den hieb- und stichfesten Beweisen der Briten. In den letzten Monaten machte er Syrien wie dem Iran weitgehende Zugeständnisse. So lange er die Hoffnung wahrt, das französische Entgegenkommen werde endlich honoriert, dürfte Chirac die Syrer schonen. Er weiß, daß Terroristen in syrischem Sold in Paris jederzeit wieder neue Blutbäder anrichten könnten.

Doch letzte Woche schien sich alles gegen Jacques Chirac zu verschwören. Le Monde enthüllte, daß die Regierung eine Art Stillhalteabkommen mit den nahöstlichen Bombenlegern geschlossen habe. Bereits zuvor hatte die französische Presse über geplante Waffenlieferungen an Syrien und den Iran berichtet und damit manches Geschäft endgültig platzen lassen. Höchst ungelegen kam der eifrig dementierenden französischen Regierung zudem die Verurteilung des von Syrien ausgeschickten Terroristen Nezar Hindawi durch ein Londoner Gericht. Auf dem Höhepunkt der Terrorwelle in Paris hatte Chirac mit massiven Vergeltungsmaßnahmen gedroht, „falls der Beweis erbracht werde, daß gewisse Staaten oder die von ihnen abhängigen Geheimdienste terroristische Aktionen gegen französische Interessen mittelbar oder unmittelbar unterstützt haben“.