Von Manfred Sack

Für den Trompeter Jon Hassell gehört die Musik, die er unter dem Titel „Power Spot“ macht, einer Richtung mit Namen „Vierte Welt“ an. Wie immer man das zu entschlüsseln versucht – man verirrt sich dabei. Und so ist es auch überflüssig zu erwägen, ob die Vierte Welt noch ärmlicher sei als die Dritte und dafür an Vielfalt und Fremdheit reicher. Man bemerkt nur, daß die Mittel, deren sich Hassell und seine acht Mitmusiker bedienen, „irgendwo aus Afrika“ stammen könnten, daß sie aber mit abendländischem Intellekt verarbeitet wurden, rein eklektisch, und das sind: dumpfe Trommelrhythmen von verzwickter, jedenfalls betont origineller Bauart; unendliche Wiederholungen solcher Rhythmusmotive; melancholische, schwerfällig sich rekelnde Melodiephrasen, oft nur Melodiefloskeln. Eigentlich entschwinden die ziemlich bescheidenen musikalischen Bestandteile diesen minimalistischen Perkussionsstücken, sobald man sich ihnen hinzugeben beginnt, ins Unterbewußtsein: Beschwörungstänze; man nähert sich der Trance.

Tatsächlich interessiert man sich bald weniger für das Musikalische als für die Stimmungsbilder, die sich in der Phantasie türmen, und schon hört man weniger, als daß man „sieht“: ebenholzschwarze, dumpfe Farben; Nebelschwaden und Kunsteiswolken, die die Rhythmusstrukturen umhüllen; das künstliche Klima ist schwül-kühl. Und einmal „sieht es so aus“, als blase sich eine Melodie – mehr, als daß sie geblasen würde – wie eine dicke, hochmütig-träge Schlange heiser auf. Andere Blastöne erinnern an altersheiseres Dampfertuten aus halbverrosteten Pfeifen.

Unter den Instrumenten sind zwar auch eine Trompete, Flöten und eine Gitarre genannt, aber sie haben sich elektronisch stark verkleidet; man denkt, sie seien in stumpfe Häute gesteckt. Nun denn: Jon Hassell, dem diese trotz allem merkwürdig faszinierenden, später auch ermüdenden Meditationsmusiken eingefallen sind, hat Mitte der sechziger Jahre bei Karlheinz Stockhausen hereingeschaut und später bei einem klassischen indischen Sänger gelernt – und sich mit all seinen Kenntnissen in seine „Vierte Welt“ zurückgezogen. Damit verglichen ist die Darbietung von vier Perkussionisten aus Guinea, einem Land der Dritten Welt also, ungleich direkter, zupackender, scheinbar harmloser, „normaler“ – auch wenn ihnen ihre unverstellte, die Neugier sehr beschäftigende Fremdheit bleibt. Ihre Schallplatte heißt „Africa Djolé“.

Diese vier Hand-Trommler fangen ihre Stücke meist ganz sacht an, sie steigern sich langsam und genießen dann ihre musikalische Erregung derb und laut. Ab und zu spielt einer von ihnen die Flöte, man hört ihren responsorischen Gesängen gespannt zu – wenngleich man nicht erfährt, was sie besingen und warum der Hauptsänger bisweilen außer sich zu geraten scheint. Könnte es sein, daß der sonst geradezu pedantisch (und mit pädagogischem Eifer) um sprachliche Verständigungshilfen bemühte Verlag „pläne“ vor dem Guinesisch aufgeben mußte?

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Unüberhörbar aus der Ersten Welt kommt eine Art von Podiums-Perkussions-Spiel, dem der schöne sinnlose Titel „Villa Rhododendron“ gege-