Ein kühl sonniger Sonntagvormittag in Ost-Berlin. Japaner photographieren sich gegenseitig vor dem Plakat des Alten Museums: „Positionen – Malerei aus der Bundesrepublik Deutschland“. Sie tun das wohl eher des bunten Hintergrundes wegen als wegen der politischen Bedeutung dieser Ausstellung: Zum erstenmal wird in der DDR offiziell zeitgenössische Kunst der Bundesrepublik gezeigt, sichtbares Ergebnis des im Mai unterzeichneten Kulturabkommens. Ein Vater bleibt mit seinem halbwüchsigen Sohn vor dem Plakat stehen: „Das ist von Willi Baumeister“, erklärt er das darauf abgebildete Gemälde, „er ist schon tot. Bei den Nazis ist er in die innere Emigration gegangen, hat damals angefangen, abstrakt zu malen. Nach dem Krieg hat er als einer der ersten Anschluß an internationale Kunst gefunden.“

Knapp 200 Menschen stehen Schlange, es ist der vierte Tag der Ausstellung, in der runden Museumsvorhalle mit den Statuen antiker Götter wird die Schlange zur Schnecke. Aber das ist nicht der Rede wert für einen, der erst kürzlich zweieinhalb Stunden im Kalten auf Einlaß in die Potsdamer Ausstellung über Friedrich II. gewartet hatte. Wieder verblüfft mich, wie gelassen DDR-Bewohner das Warten hinnehmen. Manche haben sich Bücher mitgebracht und lesen. Kinder spielen Hopsen auf dem Fußbodenmuster der Halle. „Wir gehen inzwischen rüber zu den Expressionisten“, verabschiedet sich ein Pärchen von einem anderen. Wenig später sind sie zurück: „Da stehen noch mehr als hier!“ Sie erklären das damit, daß sich die Expressionisten-Ausstellung in der Nationalgalerie ihrem Ende nähert, und daß westliche Medien sie gelobt haben. „Ich war schon viermal drin“, sagt jemand. Vielleicht weil Zerstreuungen hier geringer sind, haben Ausstellungen in der DDR einen höheren Unterhaltungswert als bei uns. Bei dieser kommt die Neugier auf das Westliche hinzu. Der Anteil junger Leute unter den Wartenden ist groß. Viele von ihnen bekennen schon durch ihr Äußeres, daß Ästhetisches ihnen wichtig ist.

Nach einer dreiviertel Stunde ist das Ziel erreicht. Erster Anziehungspunkt ist der Verkaufsstand des Kataloges. Mancher kauft gleich drei davon. Kataloge sind in der DDR begehrt, weil Mangelware. Ein kunstverständiger Freund, der am Tag zuvor in der Ausstellung war, hatte gesagt: „Was da gezeigt wird, ist das Modernste von gestern. Die jungen Wilden fehlen: Hödicke, Baselitz oder die vier, die die Ständige Vertretung vor einer Weile gezeigt hat: Fetting, Lüpertz, Middendorf und Salome.“ Seine Frau fand sein Urteil über die Ausstellung zu abwertend: „In der DDR müssen doch erst mal die sechziger und siebziger Jahre aufgeholt werden. Das kennen wir doch auch noch nicht. Das Aufholen passiert jetzt ja auch auf anderen Gebieten. In der Musik: Rolling Stones, Patti Smith, Lou Reed. Oder die Filme von Edgar Wallace, die in unserem Fernsehen gezeigt werden.“ Das Paar war von der Ständigen Vertretung zum Empfang nach der Ausstellungs-Eröffnung ins Restaurant „Offenbach-Stuben“ geladen worden, stand wohl auch auf der Wunschliste der Vertretung für die Eröffnung im Alten Museum, aber da hatte sich die DDR die Einladung für ihre Leute vorbehalten: Die beiden waren nicht dabei. Manche in der DDR sehen darin den Nachteil des Kulturabkommens: Das schärfere Unterscheiden zwischen liebsamen und unliebsamen Künstlern; daß da manches nicht mehr geht, was früher ging. Sie halten es gar für eine mögliche Konsequenz des Abkommens, daß zum Beispel der Schriftstellerin Monika Maron, deren Bücher nur im Westen veröffentlicht werden, kürzlich die Reise zu einer Lesung im Westen verweigert wurde.

Die Ausstellung der elf westdeutschen Künstler, die von Lothar Romain konzipiert, vom Sprengel Museum Hannover, zusammen mit dem Zentrum für Kunstausstellungen der DDR realisiert, hat in Ost-Berlin ein aufmerksames Publikum. Es sind die einen, die von Kunst wenig verstehen und trotzdem mit typischer DDR-Ungeniertheit ihr Urteil abgeben. Wie die Ehefrau eines älteren Herrn mit SED-Parteiabzeichen am Jackett zum Gemälde „Paar“ von Horst Antes: „Ick seh’ nur zwei Hände und ’nen Kopp, weiter nischt“ oder der Sachse vor dem fast monochromen Weiß-Bild von Raimund Girke: „Das wirkt nur in besonderer Umgebung. In einem x-beliebigen Raum würde das aussehen wie eine nicht fertiggemalte weiße Wand.“ Oder die etwa Zwölfjährige vor dem Farb-Raum-Körpern von Gotthard Graubner: „Wollen wir unser Sofa nicht auch mal rot anmalen?“ Und im Bild „Wege der Weltweisheit“ von Anselm Kiefer entdeckt man beinahe das Moralische in der Kunst: „Das sind vermutlich Wissenschaftler, die ihrer Entdeckungen wegen verleumdet wurden.“ In den „Offenbach-Stuben“ mußte der Schöpfer der Nagel-Bilder, Günther Uecker, sich fragen lassen, ob er auch richtige Bilder malen könne. Seine unwirsche Reaktion: „Auf diese Frage antworte ich nicht mehr.“

„Die Bilder wollen doch provozieren“, hatte eine Bekannte gemeint, „jeder reagiert anders. Der eine ärgert sich, weil er denkt, der Maler mache sich über ihn lustig, der andere freut sich über die schöne Komposition der Farben.“ Für einen Mann sind die Bilder der Ausstellung vor allem didaktisch: „Sie wollen zeigen: Kunst ist autonom. Zum Beispiel das ‚Grau‘ von Gerhard Richter. Das ist grau und weiter nichts.“ Und er zieht Vergleiche zwischen den Ausgestellten und den russischen Konstruktivisten, die bis Anfang der zwanziger Jahren in der Sowjetunion wichtig waren: „Denk’ nur an Kandinsky und Chagall. Stalin hat dem dann ein Ende gemacht.“ Seine Frau sieht Ähnlichkeiten zwischen den Farbbildern Richters und denen des Dresdners Volker Ebersbach. „Kein Wunder“, sagt ihr Mann, „Richter ist ja auch aus Dresden. Und Uecker ist aus Mecklenburg. Der hat dem ARD-Korrespondenten Börner im Fernsehen gesagt, er freue sich, daß seine Familie in der DDR endlich mal seine Bilder sehen kann.“ – „Sind ja schon lange weg, aber die Besten kommen eber immer aus der DDR“, spöttelte seine Frau.

Die Kunsteifrigen unter den Besuchern interessieren sich vor allem dafür, wie ein Bild gemalt ist. Ein junger Mann, ganz in Schwarz, kurze Haare, Nickelbrille, untersucht sehr genau das Bild „Palau“ von Emil Schumacher: „Toll, das so im Original zu sehen“, sagt er. „Ist das nicht ein ganz herrliches Blau?“ Seine Freundin, mit asymmetrischer Frisur, einem langbaumelnden Ohrring und kubistischen Applikationen auf der Bluse, nickt ernst. Die Technik-Bilder von Konrad Klapheck sind ihm zu distanziert: „Die sind in der Zeit gemalt, als im Westen unterkühltes Design Mode war. Deshalb läßt uns das hier wohl kalt.“

Vor einem Nagel-Bild von Uecker spielt sich ein kleines Ehedrama ab: „Du kannst doch nicht einfach: ‚Sehr schön‘ dazu sagen!“ schnauzt ein Mann seine Frau an, die – anstatt den meckernden Mann einfach stehen zu lassen – sich bemüht, es ihm recht zu machen: „In der Mitte ist das Zentrum des Bildes, von da verströmt es sich über die ganze Fläche.“

Dreimal werde ich von Passanten gefragt, woher der Katalog sei und ob es noch genügend davon gäbe. Die Schlange der Wartenden reicht inzwischen bis auf den Vorplatz des Museums. (Altes Museum bis zum 30. November, danach vom 10. Dezember bis 12. Januar 1987 in Dresden im Albertinum, Katalog 22 Ost-Mark) Marlies Menge