Von Andreas Schleef

Sind Beschäftigungseffekte wirklich nur über die starre Formel „Weniger Arbeitszeit durch mehr Freizeit“ zu erreichen, oder haben sich nicht für beide Seiten – Unternehmen und Arbeitnehmer – längst andere Erfordernisse ergeben? Mit dem imposanten Schlagwort von der notwendigen „Qualifizierungsoffensive“ hat ein Begriff seit längerem Hochkonjunktur, der in seltener Übereinstimmung von Gewerkschaften und Arbeitgebern, Wissenschaftlern und vielen Praktikern als probates Mittel beschworen wird, einen gewaltigen Zusatzbedarf an betrieblicher Bildung abzudecken.

Auslöser dieses Bedarfs sind neue Technologien, andere Werkstoffe, fortentwickelte Produkte ebenso wie höhere Qualitätsziele, damit diese Produkte sich im Markt behaupten können. Der wachsende Anteil der Mikroelektronik in Produkt und Fertigung, die Erfordernisse der Produktionssteuerung, der breite Einsatz der Bürokommunikation – all dies erfordert zusätzliches fachliches Wissen nicht nur für Spezialisten, sondern auf lange Sicht für die ganze Belegschaft. Gerade fehlende Kenntnisse in der Informationsverarbeitung bereiten für die Zukunft Sorge.

Die Fabrik der Zukunft (und diese hat längst begonnen) basiert auf einer neuen Generation von Produktionstechnologien, rechnergestützten Informationssystemen und rechnergeführten Fertigungsprozessen. Dabei muß immer wieder vergegenwärtigt werden: Die erfolgreiche Anwendung neuer Technologien, eine hohe Verfügbarkeit technischer Einrichtungen und Anlagen hängen in entscheidender Weise davon ab, ob genügend quilifiziertes Personal in allen Bereichen des Unternehmens zur Verfügung steht, das in der Lage ist, diese Produktionstechniken nicht nur anzuwenden, sondern die modernen Arbeitssysteme mit eigenem kreativen Potential zu gestalten.

Mit dem Wandel der Fertigungsabläufe werden sich auch die Arbeitsinhalte erheblich verändern. An die Stelle von routinemäßiger Maschinenbedienung sind jetzt schon immer mehr planende, steuernde und kontrollierende Funktionen getreten. Technologischer Wandel hat also ohne Qualifizierung keine Chance. Daß dieses Mehr an Qualifikation das Ergebnis einer überzogenen Bewertung ist oder gar eine Fata Morgana eines überschätzten Bildungsaufwands, die sich irgendwann in Wohlgefallen auflösen oder in Überqualifikation enden wird, ist nicht zu befürchten.

Die Entwicklung der Mikroelektronik hat den Einsatz neuer Techniken stark beschleunigt. Industrieroboter, EDV-unterstützte Steuerungstechniken, organisierte Lager, automatisierte Preßwerke, setzen ein „high tech-Niveau“ auch bei den Mitarbeitern voraus.

Der technologische Wandel hat in den vergangenen Jahren auch zu Verschiebungen auf dem Arbeitsmarkt geführt. Die Produktionsarbeit ist immer mehr zur Facharbeit geworden. Wo früher un- oder angelernte, ausländische Arbeitskräfte beschäftigt wurden, finden heute selbst Facharbeiter, wenn sie berufsfremd sind, kaum mehr einen Job. Dies hat auch dazu beigetragen, daß der Arbeitsmarkt sich „gespalten“ hat: Während Spezialisten, wie etwa Elektroniker oder Informatiker, nur mit Mühe zu rekrutieren sind, ist der Anteil ungelernter Arbeitsloser ständig angestiegen. Die Hälfte aller Arbeitslosen hat keine Ausbildung.