Das Leben des Franziskus von Assisi muß hier nicht noch einmal erzählt werden. Wenn einer der großen alten Männer des US-Jugendromans, Scott O’Dell, als Dreiundachtzigjähriger ein Buch über den Sohn des Pietro Bernardone veröffentlicht, so geschieht das gewiß nicht in der Absicht, Unbekanntes zu berichten oder eine neue Deutung der Persönlichkeit und der Botschaft des Heiligen zu liefern. Scott O’Dell widersteht der Versuchung, Franziskus als Aussteiger, Alternativen oder Grünen zum Gefährten heutiger Jugendgenerationen zu stilisieren. Er verzichtet darauf, die Friedfertigkeit des mittelalterlichen Ordensgründers zu nahe an die Seite aktueller Friedensproklamationen zu rücken. Für ihn bleibt Franziskus ein Wunder – unerklärlich, unantastbar.

Trotzdem ist man gefesselt von der neuerlichen Schilderung des städtischen Lebens in Assisi und Venedig, der Bekehrung des reichen Tuchhändler-Sohnes, seines gescheiterten Versöhnungsversuches im fünften Kreuzzug und seines Todes in der Natur, die ihn zu seinem unsterblichen Sonnengesang inspirierte.

Scott O’Dell bedient sich eines alten, wirkungsvollen Kunstgriffes des historischen Romans. Er läßt eine fiktive Randfigur, die Kaufmannstochter Ricca di Montanaro, aus Assisi berichten. Ihre Persönlichkeit macht den Leser zum Komplizen ihrer Pläne, zum Mitleidenden ihrer Obsession. Die verwöhnte Ricca ist in Francesco Bernardone verliebt. Frömmigkeit ist ihr fremd, und daher hält sie seine Abkehr von der Welt für eine der üblichen Launen. Bis zu seinem Tode sieht sie in ihm den Mann, nicht den Heiligen. Gewohnt, zu erhalten, was sie sich in den Kopf setzt, schmiedet sie Ränke, um seiner habhaft zu werden. Mit den feinen Sensoren der Eifersucht wittert sie in ihrer Freundin Clara di Scifi, der Gründerin des Klarissen-Ordens, die Nebenbuhlerin. Wegen ihrer Umtriebe nach Venedig zu einer Tante verfrachtet, gelingt es ihr, Franziskus nach Ägypten zu folgen und in Verhandlungen als seine Dolmetscherin zu fungieren. Keine Demütigung, kein Affront mildern ihre Leidenschaft, die sie jedoch immer besser zu verbergen versteht.

Da wird durchaus auch kräftig in den Schminktopf der Kolportage gelangt, wenn die Erzählerin auf Geheiß des Sultans die Keuschheit des „poverello“ mit einem Sieben-Schleier-Tanz à la Salome auf die Probe stellt oder der maurische Hauslehrer wie weiland Rhett Butler zu Scarlett O’Hara für immer Adieu sagt, weil sie den „pazzo“, den Verrückten nicht vergessen kann.

Ricca ist eine kluge, als Kopistin ausgebildete Frau – sie versteht, was sie auf kostbares Pergament kopiert. Ihr Blick auf den Heiligen Franziskus ist der des aufgeklärten, weltlichen, aller Transzendenz trotzenden Menschen – gemildert wie geschärft durch die Liebe, die der so fremden Lehre des Geliebten schließlich doch Respekt und Reverenz erweisen muß.

Dieser moderne, in seiner Hilflosigkeit und Unvollkommenheit mit Liebe die Wahrheit suchende Blick macht das Buch so anrührend und die widerspenstige Kunstfigur Ricca zu einer der ergreifendsten Anbeterinnen des Franziskus.

Birgit Dankert