Von Heinz Josef Herbort

Er war der erste Vollender eines frühen Monetarismus und zugleich ein nicht gerade selbstloser Anwender seines neuen Systems: Er prägte als erster in Europa Gold- und Silbermünzen, dergestalt freilich, daß er den wertbestimmenden edlen Metallen anderes, preisgünstigeres zu gleichem Kurs beimengen ließ. So stieg Croesus, von 560 bis 546 König der Lydier und siegreicher Feldherr gegen die Ionier, zu seinem legendären und inzwischen sprichwörtlichen Reichtum auf. Daß der indes nicht glücklich mache, versuchte, nach Herodots Bericht, kein Geringerer als der Athener Rechtsgründer Solon dem Croesus klarzumachen, und der Perser Cyrus lieferte dazu den Beweis, als er eben jenen Croesus besiegte und sein Reich liquidierte.

Daß nun wiederum „wer am höchsten sitzet, am tiefsten fallen könne“, dünkte den damaligen Leiter des Hamburger Theaters am Gänsemarkt und nachmaligen Kantor am Hamburger Dom Reinhard Keiser als gut zu Gegenstand und Lehre einer Opera seria tauglich: 1710 und dann noch einmal in einer Neufassung 1730 zeigte er den Hanseaten in einem dramma per musica die „Macht der Schickung und die Unbeständigkeit des irdischen Glückes“: „Der hochmüthige, gestürzte und wieder erhabene Croesus“.

Wenn die Hamburger Hochschule für Musik und darstellende Kunst in dieser Woche, im sechsunddreißigsten Jahr ihres Bestehens, den (vorläufig) letzten Bauabschnitt beendet und dabei ihr neues „Forum“ eröffnet, wenn sie dazu Keisers Oper aus dem Archiv holt und aufführt, wird damit weniger ein Bekenntnis zur wiederentdeckten barocken Aufführungspraxis abgelegt – so weit sind in Hamburg weder Forschung noch Praxis noch vor allem das Selbstverständnis bisher gediehen. Trotzdem könnte es ein Zeichen sein: Den jungen Musikern in Hamburg hätte ein wirklicher Croesus unter den politisch wie wirtschaftlich Verantwortlichen notgetan, und sie brauchen ihn immer noch dringend.

In unserer schnellebigen Zeit mögen sechsunddreißig Jahre wenig bedeuten – die Studenten der Hamburger Musikhochschule sehen es anders: Eine ganze Generation mußte sich durch ein Provisorium drängen. 1950 aus einer Städtischen Schule für Musik und Theater übernommen, waren die Institute anfangs in vier über die Stadt verstreuten Häusern untergebracht. Beinahe zehn Jahre wurden allein benötigt, um der Hochschule eine „realistische Zukunftsperspektive“ zu eröffnen und einen Architekten mit der Raumplanung zu befassen. Derweil siedelte die Hochschule in eine rund hundert Jahre alte hochherrschaftliche Kaufmanns-Villa, das „Budge-Palais“ um. Wieder sechs Jahre vergingen, ehe ein Vorentwurf und Kostenvoranschlag (1967: 22,2 Millionen) vorgelegt wurde. Eine Drei-Millionen-Spende Hamburgischer Firmen erzwang im Januar 1968 endlich einen Senatsbeschluß, in einem ersten Bauabschnitt ein Drittel des Neubaus zu errichten – der war im September 1973 fertig und kostete da schon zehn Millionen. Seine Architektur freilich war noch auf einen kompletten Neubau orientiert.

Aber dann begegneten sich zwei im Grunde heterogene Tendenzen. Der sogenannte Milieuschutz gestattete plötzlich nicht mehr den Abriß des Budge-Palais am immer noch noblen Alster-Ufer, Degression samt Ölpreis-Schock zwangen, mehr als uns alle, den Senat zu rigorosem Sparen. Die Priorität der Kultur für den Rotstift wurde systemwirksam – „Modifizierung“ heißt die neudeutsche Vokabel für „Streichen“. Drei Jahre lang wurde modifiziert, ein weiteres untersucht, im fünften etwas „zur Prüfung eingereicht“ – von den veranschlagten 34,1 Millionen mußten zehn heruntergestylt werden; vier Jahre bis zur Grundsteinlegung, noch einmal viereinhalb Jahre Bauzeit.

Nun sind die klassizistische Altbau-Villa und ein Rasterprinzip-Neubau („mit Kleinkeramik besetzte helle Betontafeln, beschichtete Glaselemente und Alu-Rahmen ... rhythmisch unterteilt“) „integriert“, und nichts deutet klarer als diese architektonische Faust aufs Auge an, wie hoch in Hamburg die Sensibilität im Bereich einer Kunsthochschule eingeschätzt wird. Das Milieu hat seine Nostalgie geschützt. Die Musiker freilich dürfen das Gefühl haben, ihre Unterrichtstrakte wie ihr „Forum“ seien Spätprodukte der Finanzamts-Bauabteilung – nützlich, aber nichtssagend-häßlich; praktisch, aber geschmacksneutral; handlich, aber mit dem Charme eines Kühlschranks. „Häßlichkeit ist ein Frühwarnindikator für beginnende Zerstörungen“, dekretiert der Wissenschaftssenator in der Eröffnungs-Festschrift – und das gilt vielleicht nicht nur für die von ihm gemeinte Ökologie.