Von Carl-Christian Kaiser

Es ist schon wahr: Fast vier Wochen nach der Ermordung Gerold von Braunmühls erwecken die Fahnder nicht den Eindruck, als hätten sie über die Mörder konkrete Anhaltspunkte, geschweige denn eine heiße Spur. Zwar gestattet sich Gerhard Boeden, Vizepräsident des Bundeskriminalamtes und ein erfahrener, wenn nicht der erfahrenste Fahnder, keine Resignation: „Ich habe keinen Zweifel, daß wir auch die vor Gericht bringen.“ Aber noch immer läßt sich der Mord nicht bestimmten Tätern zuordnen, sondern nur einem Täterkollektiv, dem harten Kern der neuen Generation der Rote Armee Fraktion, der auf rund 25 Leute geschätzt wird.

Früher war das anders. Da habe man, sagt Boeden, oft binnen Stunden Mord und Mörder zusammenbringen und sagen können, wer „vor Ort“ gewesen sei. Jetzt hingegen gilt, gewissermaßen als Vorstellungsmuster, das Modell von den drei Kreisen: erstens der harte Kern der Fünfundzwanzig, die aller Wahrscheinlichkeit nach auch die Terrormorde ausführen, zweitens um sie herum etwa 200 „militante Anhänger“ als mehr oder minder direkte Helfershelfer, und drittens an die 2000 Sympathisanten, tauglich für den einen oder anderen indirekten Dienst, der ihnen als Zuarbeit oft gar nicht bewußt sein mag.

Was daran sichere Kenntnis und was nur Einschätzung ist, das bleibt freilich offen. Und noch mehr verliert das Modell an Schärfe, wenn es um internationale Querverbindungen geht, zur französischen Action Directe, zu den belgischen Cellules Communistes Combattantes oder neuerdings wieder zu palästinensischen Terroristen, zumal der Gruppe um Abu Nidal. Besonders zwischen den Terroristen in der Bundesrepublik und in Frankreich gibt es bei der Strategie der Anschläge und in den Selbstbezichtigungstexten Parallelen und Übereinstimmungen, wie denn westeuropäische Länder der neuen RAF auch als „Ruhe- und Rückzugsräume“ dienen. Schließlich die „Revolutionären Zellen“: Daß sie der gleichen Ideologie vom „imperialistischen Repressionsapparat“ anhängen wie die RAF, ist offenkundig. Aber für eine Kooperation fehlen noch schlüssige Beweise.

„Wir haben“, gibt Gerhard Boeden unumwunden zu, „in gewisser Weise den Anschluß verloren.“ Ähnlich sagen es auch Holger Pfahls, der Präsident des Verfassungsschutzamtes, oder Herbert Schnoor, der nordrhein-westfälische Innenminister, unabhängig davon, daß die drei zur CDU, CSU und SPD gehören: Warum ist das Bild verschwommen geworden? Zum einen, antwortet Boeden, weil die Terroristen immer wieder dazugelernt hätten. Statt sich selber zu exponieren, haben sie vor allem, bei möglichst strenger eigener Abkapselung, ihre Logistik nun an Helfer delegiert, die halb oder ganz im Legalen zuarbeiten. Ihre Anschläge sind dann nur noch blitzschnelle Exekutionen.

Zum anderen aber, fügt Boeden hinzu, habe das verschwommene Bild auch mit den „Wellenbewegungen“ bei der Terroristenbekämpfung zu tun, mit deren Höhepunkten und Tiefen, fast wie im Reflex auf die terroristische Aktivität. Das soll im Grund heißen, daß die staatliche Fahndungsmaschinerie auch in sozusagen ruhigeren Zeiten weiter auf vollen Touren hätte laufen sollen. Boeden sagt, daß polizeiliche Äußerungen, Warnungen, gar Kassandra-Rufe wohl oft ein „Stigma“ hätten. Wie auch immer – bedrückend bleibt für ihn, daß nach der nahezu geglückten Zerschlagung der ersten und zweiten RAF-Generation dennoch stets neue Köpfe nachgewachsen sind, selbst wenn gerade darin so etwas wie ein Trost liegt, wenn auch ein makabrer, weil die terroristische Hydra nicht so sehr auf Polizeifehler als vielmehr direkt auf gesellschaftliche Ursachen verweist.

Dazu schweigt Boeden, der als einfacher Streifenpolizist begonnen hat, dann aber, Laufbahngrenzen überspringend, mit vielen wechselnden Stationen und einer soliden Hand bei brisanten Aufgaben zum Terrorismus-Experten geworden ist, erst recht. Der 61jährige Arbeitersohn mit dem breiten westfälischen Gesicht, ursprünglich gelernter Schriftsetzer, ist Praktiker und von der Art derer, denen man den sprichwörtlichen Gebrauchtwagen unbesehen abkaufen würde. Mit James Bond hat er so wenig gemein wie die Terroristenfahnung mit dem Fernsehkrimi am Abend.