Von Cordt Schnibben

Die erste Radiosendung in Deutschland, am 29. 10. 1923, bestand aus Musik und Werbung. Auf das „Gesangsolo mit Klavierbegleitung ,Über Nacht‘, vorgetragen von Herrn Kammersänger Alfred Wilde“ folgte die Durchsage: „Zur Begleitung wurde ein Steinway-Flügel benutzt.“ Sechs Jahrzehnte später beginnt das Radio, sich wieder seinen Anfängen zu nähern. Es kehrt zurück zu dem, was es einmal war und tatsächlich immer geblieben ist: Musikbeschallungsanlage mit Reklameeinlage.

In den Jahren zwischen einst und jetzt wurde es vergewaltigt, benutzt für den lächerlichen Versuch, Wörter statt Töne zu transportieren. Vorträge, Predigten, Diskussionen, Kommentare wurden über den Äther geschickt, gar eine eigene Kunstform, die des Hörspiels, erfunden. Doch kaum tauchen Pioniere auf, die das Radio vom Worte befreien und sprachlose Programme senden, da zeigt sich, was der Hörer im Grunde vom Radio will: Musik, Musik, Musik. Gibt es eine Erfindung, die gröber mißverstanden und mißbraucht wurde als das Radio?

Die Befreiung des Radios ist nun jedoch nicht mehr auf zuhalten: Seit dem 1. Juli bedeckt der erste landesweit ausstrahlende Privatsender Schleswig-Holstein und Hamburg rund um die Uhr mit einem nie verklingenden Musikteppich, der noch dichter werden wird, wenn im kommenden Jahr Radio Hamburg, Funk und Fernsehen Nordwestdeutschland, Radio 107 und andere auf Sendung gehen. Den deutschen Norden, bisher musikalisches Notstandsgebiet, beschallen dann sechs private Musikabfüllstationen, fünf Programme des Norddeutschen Rundfunks und drei Programme von Radio Bremen.

Im Süden warten vier Münchner Privatkanäle darauf, nach der Stadt nun auch das Land mit Musik versorgen zu dürfen, in Rheinland-Pfalz sendet Radio 4 – in allen Bundesländern wird über kurz oder lang die Luft poppig vibrieren, zum Zittern gebracht von Zeitungsverlegern, die sich um ihre Werbeeinnahmen sorgen und deshalb das Radio entdeckten.

Das wiederum gibt den Anstalten, die bisher das Radio verwalteten, zu denken. Zwar finanzieren sie sich weitgehend aus Gebühren, die sowieso jeder Radiohörer zahlen muß, egal, ob, wen und was er hört, aber bis zu einem Drittel der Budgets steuert die Werbung bei. Und außerdem möchte sich schließlich keiner gern nachsagen lassen, ungehört zu sein. Um die Hörer nicht dem schrecklichen Musikmarathon der Privaten auszuliefern, beginnen die Öffentlich-Rechtlichen Musik, Musik, Musik zu senden.

Radio Bremen beispielsweise richtet in aller Schnelle ein neues viertes Programm ein, das ganztägig Popmusik für junge Leute bringt, zum Teil ohne Moderatoren. Andernfalls sei die akute Gefahr von Hörerverlusten an Private, so heißt es zur Begründung, und damit zugleich auch von Einbußen des Senders hinsichtlich seiner Attraktivität als Werbeträger nicht auszuschließen.