Miami ist eine jener Städte, die ihren ganz eigenen unverwechselbaren Duft besitzen. Am intensivsten ist dieser Duft in den Stunden vor Tagesanbruch. Salz liegt natürlich in der Luft und erinnert an das Meer im Süden der Stadt. In gewissen Nächten jedoch, in denen ein unsteter Wind von den Everglades herüberweht, erfüllt ein schwerer Geruch die dunkle Luft: Es riecht feucht und modrig; es riecht nach Sumpf. Dann scheint es, als seien Teer und Beton, gleißende Hotels, Banken und Einkaufszentren, Einfamilienhäuser, Schulen, Kirchen und Restaurants nichts weiter als Kulisse.

In diesen stillen Stunden nach Mitternacht legt sich ein stickiges Gemisch aus verrottender Vegetation, wuchernden Blumen, brackigem Wasser und den letzten Resten von Wesen, die über Nacht ganz plötzlich sterben, über die moderne, pulsierende Stadt.

In fast all diesen Nächten wittert man ohne viel Phantasie noch etwas anderes im Wind über Miami: den fauligen Gestank der Korruption. In keiner anderen amerikanischen Metropole ist die alltägliche Bestechlichkeit so greifbar Überall liegt hier Korruption in der Luft: der Polizist, der mit einer Zigarette zwischen den Lippen im Hauseingang steht; das chaotische Labyrinth einer kommerziellen Architektur, hinter deren verwitterten Fassaden man zweifelhafte Geschäfte, Zwist und gekaufte Gutachter ahnt; junge Männer, die im Porsche, Mercedes oder Cadillac durch die Gegend fahren, so als seien sie die Könige der nächtlichen Straßen.

In den Bars, Discos und Yachthafen ist die Korruption am deutlichsten. Das ist die Welt aus der Fernsehserie "Miami Vice" (siehe Kasten Seite 42); diese Welt ist allerdings keine Erfindung: Ihr trügerischer Glanz ist ein unleugbares Element des modernen Miami. Hier sind jene Träger von Rolex Uhren beheimatet, die ihre vom weißen Gift angefressenen Nasen wie zu einem ungewollten Gruß reiben; sie sind die wandelnden Symbole dieser Stadt. Kein Hi