Noch einmal Glück gehabt – auch wenn die zeitgenössische Architektur nicht strahlend gesiegt, sondern nur nicht verloren hat. Da das Plebiszit am vergangenen Sonntag gescheiten ist, wird Mannheim im Planquadrat N 1 seines barocken Stadtgrundrisses nun keinen Betonbau bekommen, der hinter der gefälschten Fassade seines barocken Vorgängers versteckt worden wäre, sondern einen von heute, entworfen von dem Architekten Carlfried Mutschier und seinem Partner Joachim Langner. Die Wettbewerbsjury hatte ihnen unter fünfzehn ausgesuchten Konkurrenten einstimmig den Vorzug gegeben und mächtig gelobt. Die Stadtverordneten wiederum hatten sich dem Votum – überzeugt – angeschlossen.

Es ist der dritte Versuch, das „Alte Kaufhaus“, das zuletzt Rathaus gewesen war, zu ersetzen. Es war im Krieg zerstört, der stehengebliebene Turm 1965 abgerissen worden – eine der vielen, damals immer noch in gutem Glauben begangenen Freveltaten. Die ersten beiden Bemühungen um einen Neubau schlugen fehl, nicht zuletzt deswegen, weil es am Geld mangelte. Nun aber winkte das Land Baden-Württemberg seinen Kommunen mit Extrageld für Verbesserungen der Stadtqualität, und Mannheim faßte neuen Mut: für ein Stadthaus, nach ortsüblicher Art mit einem Turm, der von einem Bürger- und einem Ratssaal symmetrisch flankiert sein sollte.

Die Wettbewerbssieger, die nicht nur in Mannheim als gute Architekten bekannt sind, brachten jedoch alsbald die Gemütshungrigen gegen sich auf. Die wollten sich die Erinnerung an die gute alte Zeit mit einer barocken Replik erzwingen – nicht unbedingt mit einer vollständigen, sie hätten sich auch mit der Fassade zufriedengegeben; die Verpackung war ihnen wichtiger als der Inhalt. Sie setzten einen Bürgerentscheid gegen das moderne Projekt durch – und verloren ihn. Von den 203 000 stimmberechtigten Mannheimern folgten ihnen nur 53 000, 7000 zu wenig.

Die Geschichtsfälschung findet also nicht statt. Trotzdem wird man das blaue Auge, das der Gegenwart geschlagen wurde, noch eine ganze Weile sehen. Denn erstens sind die restaurativen Frondeure zwar gegen den modernen Stadthaus-Entwurf angegangen, aber natürlich hatten sie gehofft, die Ressentiments einer Mehrheit gegen die moderne Architektur überhaupt zu mobilisieren – ganz unbegründet ist diese Abneigung, wie man weiß, ja nicht.

Zweitens aber waren sie auch drauf und dran, den Stadtverordneten, die sich ihre Urteilsfähigkeit redlich erworben hatten, die Entscheidung zu entreißen und jedermann zu überlassen, jedermanns Gefühlen und Geschmäckern, jedermanns ästhetischen Vorlieben und Aversionen, womöglich dem „gesunden Menschenverstand“. Architektur aber ist mehr als ihre Fassade und mehr als eine Geschmacksfrage. Manfred Sack