Harry Maier zählte zu den führenden Wirtschaftswissenschaftlern der DDR. Fast drei Jahrzehnte wissenschaftlicher Arbeit in der DDR sowie im kapitalistischen und im sozialistischen Ausland verschafften ihm gründliche Kenntnisse der jeweiligen Wirtschaftssysteme, ihrer Stärken und Schwächen.

Am angesehenen Internationalen Institut für angewandte System-Analyse in Laxenburg bei Wien, von dem er 1978 einen Ruf erhielt, leitete er das Projekt „Management von Innovationen“, an dem Wissenschaftler aus den Vereinigten Staaten, der UdSSR, Japan, der DDR, der Bundesrepublik, Schweden und der ČSSR mitarbeiteten. 1980 war er einer der Organisatoren des 6. Weltkongresses der Wirtschaftswissenschaftler in Mexiko, eine Ehre, die bis dahin noch keinem DDR-Wirtschaftswissenschaftler zuteil geworden war.

Während der vergangenen gut 25 Jahre haben Maier und seine Mitarbeiter mit führenden Ökonomen der Sowjetunion zusammengearbeitet. Er gehört zu den wenigen deutschen Wirtschaftsforschern, die regelmäßig in der UdSSR publiziert und dort einen Leserkreis haben. Aus dieser Zusammenarbeit sind persönliche Freundschaften zu sowjetischen Ökonomen der älteren Generation wie den Nobelpreisträger Leonid Kantorowitsch, Lew Gatowski und Alexander Notkin entstanden. Freundschaftliche Beziehungen verbinden den heute 52jährigen Maier auch zu Ökonomen seiner Generation, die jetzt zum Beraterkreis des sowjetischen Parteichefs Michail Gorbatschow gehören. Viele der Reformschritte, die Gorbatschow heute ankündigt, haben diese deutsch-sowjetischen Wissenschaftlerzirkel auf Symposien diskutiert.

Maier hat an der Hochschule für Ökonomie der Humboldt-Universität in Ost-Berlin studiert und promoviert. 1967 habilitierte er sich dort und wurde ein Jahr später zum Professor für Politische Ökonomie berufen. Nach seiner Rückkehr vom Institut in Laxenburg gründete er Ende 1980 den Bereich „Analyse und Prognose wissenschaftlich-technischer Neuerungsprozesse“ an der Akademie der Wissenschaften in Ost-Berlin, an dem 32 Wissenschaftler verschiedener Disziplinen sozialökonomische Folgewirkungen von Mikroelektronik, flexibler Automatisierung, neuen Energieoptionen und Biotechnologien erforschten.

Neben vielen wissenschaftlichen Publikationen, von denen etliche auch in englischer und russischer Sprache erschienen sind, schrieb Maier regelmäßig im SED-Zentralorgan Neues Deutschland und in der theoretischen Zeitschrift der SED Einheit über Wirtschaftspolitik und ökonomische Theorie.

Er hatte den Höhepunkt seiner wissenschaftlichen Karriere erreicht. Er war Mitglied der wichtigsten wissenschaftlichen Beratungsgremien der Partei- und Staatsführung. Maier kannte die Widersprüchlichkeiten des DDR-Systems. Wie die große Mehrheit seiner Landsleute hatte er sich darin eingerichtet, und – mehr noch – er empfand ein großes Maß an Solidarität für die DDR als einen der beiden deutschen Staaten. Diese Solidarität zerbrach Ende 1985, als das Ministerium für Staatssicherheit (Hauptabteilung Aufklärung) einen nichtigen Vorwand nutzte, um ihn unter massiven Druck zu setzen. Die Stasi (DDR-Jargon) versuchte, Maier zu erpressen, seine internationalen Verbindungen und freundschaftlichen Kontakte im Ausland für „Aufklärungsarbeit“ zu nutzen. Maier war empört und zog Konsequenzen.

Im März 1986 hat er den Präsidenten der Akademie der Wissenschaften schriftlich um die Entlassung aus dem Arbeitsverhältnis und nutzte eine Dienstreise nach Wien, um in die Bundesrepublik zu kommen. Alle Versuche, ihn zur Rückkehr nach Ost-Berlin zu bewegen, wies er ab. Der DDR-Führung rät der Wirtschaftsprofessor dringend, die Stasi davon abzuhalten, mit erpresserischen Methoden Wissenschaftler für Aufklärungsdienste gefügig zu machen. Abgesehen vom menschlichen Leid, das den Erpreßten zugefügt wird, könnte dem Ministerium für Staatssicherheit gelingen, was die kalten Krieger im Westen einst vergeblich versuchten, nämlich die DDR-Wissenschaftler vom internationalen wissenschaftlichen Austausch abzuschneiden.

Nicht interessiert ist Maier an einer Konfrontation mit der DDR-Führung, von der er allerdings erwartet, daß sie seine Frau, mit der er seit 28 Jahren verheiratet ist, und seinen Sohn ausreisen läßt. chr