Von Egbert Baqué

Wenn die Abendvorstellung im Pariser Théâtre „Sarah-Bernardt“ beginnt, ahnt wohl niemand, daß – an einem eiskalten Januarmorgen des Jahres 1855 – just an der Stelle, wo sich heute der Souffleurkasten befindet, die gefrorene Leiche eines Dichters baumelte: Aufgeknüpft am Fenstergitter einer Erdgeschoßwohnung, Impasse de la Vieille Lanterne, Ecke Rue de la Tuerie, wurde Gérard de Nerval entdeckt.

Lange Zeit war Nerval der Literaturgeschichtsschreibung kaum eine Fußnote wert. Für ihn galt, was Stendhal weitsichtig auch für sein eigenes Werk prophezeite: „Um 1900 wird man mich verstehen. “

Nervals Wort schien, wie Walter Pabst schrieb, „auf eine dem 19. Jahrhundert noch unbekannte Frequenz gestimmt.“ Selbst seine Freunde begriffen ihn kaum. Das führte zu absonderlichen Fehleinschätzungen: Théophile Gautier oder Arsene Houssaye hielten Nervals letztes Werk, die Satz für Satz wie eine präzis abgestimmte Musik komponierte Meisternovelle „Aurelia“, deren erster Teil gerade in der Revue de Paris veröffentlicht worden war, deren zweiten Teil man als Manuskript in der Jacke des toten Dichters fand, für ein Fragment.

Baudelaire bescheinigte ihm, noch schüchtern, „glänzende, tatkräftige und scharfe Intelligenz“. Die Symbolisten erkannten dann, um die Jahrhundertwende, in dem Lyriker Nerval einen Vorläufer – einige seiner Gedichte zählen zu den schönsten französischen Sprachgebilden, vollendete Klangkörper und geistige Konzentrate, die eine faszinierende Vielfalt von Deutungen ermöglichen. Proust rühmte – gegen Sainte-Beuve – das „Genie“ des Erzählers Nerval. Apollinaire nannte ihn „Bruder“ und André Breton vereinnahmte ihn im „Ersten Manifest“ für die Ahnengalerie des Surrealismus.

Genug der gewichtigen Zeugen. Die „Nervaliens“ haben in den letzten Jahrzehnten fleißig geforscht und geschrieben. So sehen wir uns heute mit einer fast beängstigenden Zahl gelehrter Arbeiten konfrontiert. Doch in Deutschland blieb die Zahl der Leser Nervals bis heute recht spärlich. Dies dürfte auch auf die zögerliche Publikation von Übersetzungen zurückzuführen sein. Das aber hat „le bon Gérard“ wahrhaftig nicht verdient, im Gegenteil, in gewisser Hinsicht sind wir ihm etwas schuldig: Er gehörte – Robert Minder nannte ihn den „Dichter zwischen den Nationen“ – zu den wichtigen Mittlern deutscher Literatur in Frankreich. Der große Wurf des Kulturmittlers Nerval: Mit zwanzig Jahren legte er die französische „Faust“-Übertragung vor. Der alte Goethe anno 1830 zu Eckermann: „Im Deutschen mag ich den ‚ Faust‘ nicht mehr lesen, aber in dieser französischen Übersetzung wirkt alles wieder durchaus frisch, neu und geistreich.“

Nerval, Freund und Übersetzer Heines, publizierte eine Auswahl deutscher Gedichte, schrieb Reiseberichte über das Land jenseits des Rheins, war der erste Franzose, der in Zeitungsartikeln auf den Komponisten Richard Wagner aufmerksam machte. Einige bedeutende Texte sind ohne die Anregungen, die er durch die Lektüre E. T. A. Hoffmanns und Jean Pauls Werk erfuhr, kaum denkbar.