Wie ein Schotte die Franzosen reich machen wollte

Ludwig XIV. schröpfte Frankreich, bis es ausgeblutet war. Seine ständigen Kriege, sein kolossaler Palast in Versailles mit seinen nie endenden Festen, die enormen Dotationen, mit denen er seine Favoriten, seine Mätressen und die königlichen Bastarde bedachte – dies und tausend andere Extravaganzen verschlangen den Wohlstand seines Reichs. Ihn verlangte nach Pracht, für sich selbst als König, um die verbrauchte, feudale Hierarchie zu überstrahlen, und für Frankreich, um es durch den Glanz seiner Waffen und seiner Kunst zum ersten Land Europas zu machen.

Aber Glanz und besonders militärischer Ruhm kosten riesige Mengen Geld. Selbst der unverdrossene Colbert, der das zentralisierte Finanz- und Verwaltungssystem entwarf, an das Frankreich sich seitdem immer gehalten hat, konnte Ludwigs unersättlichen Bedarf an Geld nicht befriedigen. Als der König nach 72 Jahren auf dem Thron starb, war sein Thronfolger Ludwig XV. nur fünf Jahre alt, so daß sein Onkel Philippe, Herzog von Orleans, Regent wurde.

Mit diesem Titel erbte Philippe das Problem einer überwältigenden Schuldenlast: über drei Milliarden Livre. Es gab keine Möglichkeit, die Schuld abzuzahlen, schon die Verzinsung bedeutete eine unerträgliche Last. Was tun? Der nationale Bankrott drohte. (Im Winter 1709 konnte man in den Straßen von Paris Leute sehen, die Leichen aßen.)

Beau Law – er hatte ein festes Gesicht, eine lange, eckige Nase und ein vierkantiges Kinn – war ein lärmender, schottischer Glücksspieler und Dandy im London der letzten Dekade des 17. Jahrhunderts. Bei einem Duell mit Schwertern tötete er einen anderen Beau namens Wilson, dessen Schwester eine von Laws vielen Geliebten beleidigt hatte. Verhaftet und verurteilt, entkam er aus dem Gefängnis und floh ins Exil. Als Sohn eines Bankiers beschäftigte er sich nun mit öffentlichen Finanzen. 1705 veröffentlichte er ein Traktat unter dem Titel „Gedanken über Geld und Handel“, in dem er argumentierte, daß ein Land sich um so größeren Wohlstandes erfreuen würde, je mehr Geld im Umlauf war. „Der Binnenhandel hängt vom Geld ab. Eine größere Geldmenge beschäftigt mehr Menschen als eine kleinere. Darüber hinaus erhöht das Geld den Wert des Landes.“

In der heutigen Sprache bedeutet das Inflation. Damals bedeutete Geld eine begrenzte Menge von Edelmetall, mit dem Schulden der öffentlichen Hand, wie die nur auf Papier ausgestellten Obligationen der Regierung, schließlich zurückgezahlt werden mußten. Laws Absicht war es, das Publikum dazu zu bringen, als Rückzahlung lediglich eine andere Sorte von Wertpapieren zu akzeptieren oder am besten sein Gold für Papiergeld einzutauschen. Später wurde so in den USA unter F. D. Roosevelt verfahren, als Gold für Papiergeld abgeliefert werden mußte, das später mit Silber eingelöst werden sollte; noch später wurde auch diese Deckung nicht mehr anerkannt. Law trat vor allem für die Gründung einer Zentralbank ein, die durch eine liberale Ausleihpolitik das Kreditvolumen vergrößern sollte.

Law schlug diese Ideen seinem Geburtsland Schottland und dem Königreich von Savoyen vor, die jedoch beide seinen Plan ablehnten. Auf Reisen in Brüssel, Wien, Rom und anderen Städten lebte er ganz gut von Glücksspiel und Spekulationen. Ludwig XIV. hatte sich geweigert, ihn zu empfangen. Nach Ludwigs Tod zeigte sich aber der neue Regent interessiert. Vielleicht gab es doch einen Ausweg aus seinem Problem. Im Mai 1716 wurde Law, der inzwischen die französische Staatsangehörigkeit erworben hatte, ermächtigt, im Erdgeschoß seines Hauses am Place Louis-le-Grand, dem heutigen Platz Vendôme, die Banque Generale zu eröffnen. Das Kapital betrug sechs Millionen Livre. Zu einem Viertel mußte es in Bargeld aufgebracht werden und zu drei Vierteln in billets d’état, Staatsobligationen, die für 25 Prozent ihres Nennwertes verkauft worden waren. Indem er verlangte, daß die regionalen Steuerzahlungen in der Form von Schuldscheinen der Banque Generale geleistet wurden, sicherte Philippe der Bank einen stetigen Zufluß von Geldmitteln für ihre Operationen und damit ihren Erfolg. Die Bank wurde ermächtigt, Schuldscheine auszugeben, die auf Wunsch in Silbermünzen eingelöst werden mußten zu ihrem Wert am Ausgabe-Datum des Schuldscheins. Als sie allgemein akzeptiert wurden, konnte Law den Diskontsatz von dreißig Prozent auf sechs Prozent und dann auf vier Prozent senken und so Wucherern das Handwerk legen. Bei einem Kapital von sechs Millionen Livre zirkulierten bald 60 Millionen Schuldscheine der Bank. Die französische Wirtschaft erlebte einen starken Aufschwung. Da die Schuldscheine der Banque Generale ihren Besitzern Zinsen brachten und bequemer zu handhaben waren, kam es dazu, daß sie mit einem Aufschlag über ihrem Nennwert in Edelmetall verkauft wurden.