Von Karl-Heinz Janßen

Es wird viel geweint in diesem Film. Sie ist ja auch zum Weinen, diese herzzerreißende Drei-Generationen-Saga der (fiktiven) großbürgerlichen Familien Deutz und Bernheim: ein Abbild unser aller Geschichte in diesem Jahrhundert, vom Kaiserreich bis zur Bundesrepublik, gesehen aus der Perspektive der Vorstandsetagen und Herrensitze, also von dort, wo sich Kapital und Macht, Geschäft und Politik verflechten, demonstriert am Beispiel eines weltberühmten Chemie-Mültis, der IG Farben. „Interessengemeinschaft“ (das meinen die Kürzel) sollte die vierteilige WDR-Fernsehserie, die am 12. November im 1. Programm anläuft, zweideutig betitelt werden. Doch dann entschied sich Regisseur und Drehbuchautor Bernhard Sinkel für den unpolitischen Titel „Väter und Söhne“, als wolle er den hohen Unterhaltungswert dieses Zehn-Stunden-Dramas noch unterstreichen.

Achtzehn Millionen Mark wurden für diese Produktion aufgewendet; Fernsehstationen in Österreich, Italien und Frankreich beteiligten sich; auch nach Amerika wurde die Serie verkauft. Dafür konnte man sich dann auch zwei Weltstars leisten: Burt Lancaster und Julie Christie. Ein Teil der Produktion wurde außerhalb der Bundesrepublik gedreht: in der DDR auf dem Gelände der ehemaligen Leuna-Werke und in Karlsbad und Prag. Was dabei herauskam, ist filmhistorisch irgendwo zwischen der Straßen leerfegenden Hollywood-Schnulze „Holocaust“ und dem gemütvollen Reitz-Film „Heimat“ angesiedelt, dramaturgisch eher bei Friedrich Schiller: Haupt- und Staatsaktionen wechseln mit Kabale und Liebe, und das Ganze wurde vermengt mit knapp bemessenen Portionen Sex und Brutalität.

Ein Männerfilm, Männer machen Geschichte, Väter führen ein strenges Regiment. Söhne rebellieren oder unterwerfen sich. Filmemacher Sinkel hat, wie in dem Buch zum Fernsehfilm (Sinkel, „Väter und Söhne“, bei Athenäum) nachzulesen ist, seine Schwierigkeiten mit Frauenrollen. Aber seltsam: Fast jede dieser Frauen reißt die Szene an sich, als sei sie geradewegs eine Ausgeburt der Schillerscher Leidenschaft.

Frauen stehen hier für das andere Prinzip, die Gegenwelt der unbedingten Gefühle und der reinen Menschlichkeit: Judith Bernheim, die aus Protest gegen die völkerrechtswidrigen Giftgasexperimente ihres Mannes Selbstmord begeht, zuvor aber noch als Öko-Terroristin die Versuchskaninchen in die Freiheit entweichen läßt; Luise Deutz, frühemanzipierte Industriellentochter, die zum Entsetzen der Väter raucht und studiert, aus eigenem Recht einem berühmten Mann zur Seite steht, auch und gerade dann, als er in Nürnberg wegen Verbrechen auf der Anklagebank sitzt, derentwegen sie sich schämt; Elli Deutz, die sich in einen Juden verliebt und, um sein Leben zu retten, sich einem Nazi-Ekel ausliefert; Anni, Tanzgirl und Mätresse, die sich nicht von den Mächtigen kaufen läßt, sondern selber ihren Preis und Platz bestimmt. Nur Charlotte Deutz, der Julie Christie die ätherischen Züge einer naiven Engländerin verleiht, die es nach Deutschland verschlagen hat, fügt sich stumm und duldend den Launen und Zumutungen der Männer.

Die tragischen Helden indes sind „Väter und Söhne“, die nicht von ungefähr in die so ruhmvolle wie schändliche Geschichte der IG Farben verwoben wurden. Der Filmautor hat sich mit diesem Opus einen Traum erfüllt: die eigene Vergangenheit aufzuarbeiten und in der Auseinandersetzung mit der Vätergeneration seine Identität zu finden. Sinkel, Veteran der 68er-Generation, hatte einen Firmenmitbegründer zum Urgroßvater; sein Vater war Prokurist bei der Weltfirma und später unter Hermann Göring Chemiebeauftragter; ein Onkel wurde als einer der 24 Direktoren im Nürnberger IG-Farben-Prozeß angeklagt; bald wieder auf freiem Fuß, hat er, wie etliche der Mitangeklagten, eine der westdeutschen Nachfolgefirmen der Großchemie wiederaufgebaut.

Sinkel hat – sozusagen zur Selbsttherapie – die an Verstrickungen überreiche Geschichte der IG Farben vor einem Publikum ausgebreitet, das kaum mehr etwas darüber weiß. Westdeutsche Historiker haben um diesen Teilabschnitt der Vergangenheit immer einen weiten Bogen gemacht. Sinkel hält sich eng an die 1979 erschienene Monographie des amerikanischen Juristen und Privathistorikers Joseph Borkin („Die unheilige Allianz der IG Farben“) und an die Nürnberger Dokumente.