Von Irene Mayer-List

Heute abend sei kein Andrang in der Küche, meint Adrienne Goehler und gießt für uns beide einen Tee auf: Ein Bewohner ihrer Wohngemeinschaft sei verreist, einer sei traurig, eine lese und der letzte führe seinen Punker-Sohn zum Abendessen aus. Sie trägt das Tablett in ihr kleines weißes Wohnzimmer, trinkt schnell ein Glas Sekt, zieht die Beine auf den Korbstuhl und beginnt zu erzählen: Was bringt eine Bürgerstochter aus dem Schwarzwälder Tausend-Seelen-Dorf Kuhbach in einunddreißig Lebensjahren dazu, eine linke Feministin zu werden?

Adrienne Goehler ist in der Hamburger Szene ein Star. Seit sich die zierliche schwarzhaarige Politikerin einfallen ließ, in der Grün-Alternativen Liste, der GAL, alle Macht für die Frauen zu fordern und durchsetzte, daß am Sonntag in Hamburg für die Grünen nur Frauen kandidieren, stürzen sich die Reporter auf sie und fragen: "Was wollen Sie den Männern in der Bürgerschaft sagen?" Ihr Leben, ihre Erfahrungen, die sie wie Tausende andere gegen diesen Staat (und gegen die Männer) rebellieren lassen, interessieren hingegen keinen.

"Männer sehen alles so abstrakt", ärgert sie sich, "Frauen denken viel komplexer. Bei einem politischen Gegner beobachten Frauen automatisch wie einer schaut, wie er mit den Händen fuchtelt, und überlegen: Vielleicht hatte das arme Schwein gerade zu Hause Krach." Sie dreht sich hustend eine Zigarette und fügt hinzu: "Frauen relativieren viel mehr, was sie allerdings nicht unbedingt entscheidungsfähiger macht." Sie schaut auf die Blumen und bunten Masken neben ihrem Schreibtisch: "Ein Zimmer, eine Stimmung lügen viel weniger als Worte."

Adriennes Vater war Busfahrer, die Mutter arbeitete als Sekretärin. "Bist du ein Judenbub?" rief ein Kuhbacher einmal dem Kind mit seinen kurzen schwarzen Haaren und der großen Nase nach. "Ich hätte so gerne dicke blonde Zöpfe gehabt wie die anderen und Renate oder Sabine geheißen. Weil ich die Nonnen nicht erfüllte, wurde ich halt rotzfrech." Als der Dorfpfarrer das kleine Mädchen auf der Straße fragte: "Wo g’herscht hin?" antwortete sie nach dem obligaten Knicks und dem Gelobt-sei-Jesus’-Christus: "D’Zigeuner han mi im Galopp verlöre."

Verkäuferin wollte sie werden, doch Mutter und Lehrerin schickten sie aufs Gymnasium in der Nachbarstadt, weil sie so gut im Kopfrechnen war. Dort suchte sie sich neue Freunde: "Für die reichen Kinder war ich zu arm, für die dummen zu klug und für die normalen zu anders." Also tat sie sich mit den Außenseitern zusammen. "Wir hatten alle gemeinsam, daß wir nicht in die Mitte gelassen wurden – eine Sammlung von Randfiguren."

Mit Parka und Mofa brauste sie durch die Gegend, saß in Cafés, verblüffte die Eltern mit Vorträgen über antiautoritäre Erziehung und trat mit dreizehn Jahren trotzig aus der katholischen Kirche aus (nicht zuletzt, weil die Freistunde mit Laugenbrezeln und Butter lockte). Zu Hause aber sinnierte sie über ihre unglücklichen Liebesaffären, las Sartre und Camus und hatte mit Politik recht wenig im Sinn.

So richtig wohl und geborgen fühlte sie sich denn auch erst mit siebzehn Jahren im Kibbuz in Israel – und später, als sie durch Zufall beim Trampen in die ersten Anti-Kernkraft-Demonstrationen im badischen Wyhl geriet. Für die Winzer vom Kaiserstuhl, die in ihrer Heimat keinen Atomreaktor wollten, kochte sie und sang mit ihnen Protestlieder. "Ich habe wenig von der Sache verstanden, aber diese Bauern, die sagten ‚des geht ned‘, haben mich wahnsinnig beeindruckt."

Sie dreht noch eine Zigarette und stellt nachdenklich fest: "Eigentlich haben mich immer die Menschen angesteckt, nie die Ideologien." Das sei wohl typisch weiblich, meine ich, nachdem mir ein paar Tage zuvor gerade eine andere GAL-Frau erklärt hatte: Frauen würden die Grünen vergleichsweise wenig wählen, weil die Alternativen mit Sachprogrammen und nie mit Personen werben.

Adrienne Goehler stimmt zu: Die Orientierung an Personen sei typisch, wenn auch bei den Grünen viele Frauen damit wenig im Sinn hätten. "Ich habe mir zum Beispiel bei denen unheimlich Prügel geholt, als ich Hildegard Hamm-Brücher wegen ihrer Kritik an der FDP-Wende eine tolle Frau fand, obwohl sie nicht unsere Richtung vertritt."

Adrienne Goehler ist das gewöhnt Einige Alternativ-Frauen mögen sie gar nicht; sie gilt als unpolitisch, unberechenbar und zu sehr an ihrer Selbstdarstellung interessiert. Nachdem die Anführerin der "Frechen Frauen" in der GAL die Frauenliste-Idee durchgeboxt hatte, setzten die GALier sie denn auch prompt auf Platz vier hinter drei verläßliche Kämpferinnen. Ihr ist das gleich. Sie liebe die Grünen als "Ort der Utopien", wo zwar heftig gezankt würde, aber doch jeder jeden toleriere.

Toleranz schätzt sie (wie viele andere Grüne) besonders seit ihrem Abstecher in die marxistisch-leninistische Bewegung: An der Uni Freiburg fand sie nach dem Abitur zu den Mädchen mit Perlenketten in ihren Fächern Romanistik und Germanistik nicht den rechten Draht "Wohl durch eine Liebesgeschichte" geriet sie in "eine exotische Variante einer badischen K-Gruppe".

Der Aufenthalt im erlauchten Kader-Kreis wurde allerdings abrupt beendet. Von einer Afrika-Reise wagte sie einen Brief an ihre Genossen daheim, in dem sie ihre praktischen Beobachtungen bei den Unterdrückten in die Klassenkampfdebatte einbrachte. Das ging zu weit. Ein Tribunal – mit ihrem ehemaligen Geliebten an der Spitze – schloß sie kurzerhand wegen "spontaneistischer Umtriebe" aus der Gruppe aus. Mit dem Entschluß, nie wieder zu politisieren, verließ sie Freiburg.

"Mein Gott, hat dieser Marx kompliziert geschrieben", stöhnt sie noch heute. "Aber das mit der Vergesellschaftung der Produktionsmittel und des Privateigentums habe ich verstanden. Davon lasse ich nicht ab."

Wenn man auf die angehäuften Schätze in ihrem Zimmer schaut – die Masken, Bilder, Bücher, die schillernden Sektgläser und Seidenschals – möchte man’s kaum glauben. Könnte sie sich auch eine ganz bürgerliche Existenz vorstellen? "Nein", meint sie nach kurzem Überlegen. "Spätestens seit Gorleben habe ich mit diesem Staat endgültig gebrochen." Die Besetzung des Brachlandes, auf dem das Atommüll-Lager entstehen sollte, sei für sie eines der wichtigsten Erlebnisse ihres Lebens gewesen – "wunderbar und grauenvoll zugleich".

"Traumatisch, dramatisch" war dann die Hilflosigkeit, als das Hüttendorf von einem Polizei-Massenaufgebot geräumt wurde: "Wie sie dieses Dorf mit Polizeifahrzeugen, Hubschraubern, Pferden, Knüppeln zusammengekarrt haben – diese Respektlosigkeit vor den Menschen, da habe ich geheult." Sie beaufsichtigte einen Rückzug: "Heiß war’s, wir waren hungrig und durstig, und die Polizisten hatten Gulasch und Coca-Cola. Diese grenzenlose Ohnmacht, die du hast, wenn du alleine und hilflos dastehst und die Bullen gegenüber über dich als ‚Arabermädchen‘ herziehen, die sie auch mal gerne ..."

Sie dreht noch eine Zigarette. "Solche Erlebnisse machen unversöhnlich. Da wußte ich: Die kriegen dich nie mehr als loyale Bürgerin für ihr Land. Das muß hier anders werden."

Mit der Frauenbewegung?

"Ich glaube nicht, daß Frauen unbedingt den Kapitalismus abschaffen können, aber sie können die Gewichte in der Gesellschaft anders verteilen", sagt die Feministin und kommt endlich auf ihr Thema. Das müsse ich doch begreifen: Männer hätten die Atomtechnik, die Waffen, die Genmanipulation erfunden – Frauen würden auch an die Folgen denken. Sie wären das beste Gewicht gegen die männlichen Spezialisten.

Ob diese Erkenntnisse auch Resultat schlechter Erfahrungen mit GAL-Männern seien, will ich wissen. Adrienne Goehler rollt verzweifelt die Augen. "Ich bin doch nicht aus Haß auf die Männer auf die Frauenliste gekommen." Natürlich gäbe es auch in der GAL typische "Flügelhengste" und "Polit-Gockel", aber das sei doch nicht der Punkt. Die Frauenliste hätte doch mit ganz anderen Erfahrungen zu tun: "Ich habe zum Beispiel eine laute Stimme und wenn ich in paritätisch besetzten Ausschüssen spreche, sind die Männer ruhig und hören auf zu stricken. Und dennoch: Inhaltlich setze ich mich als Frau einfach schwerer durch als sie." Daher ihre radikale Forderung nach einer Fraktion nur mit Frauen, über die sich die Hamburger jetzt so ereifern. "Das ist halt ein Experiment", sagt Adrienne Goehler und lacht. "In der Frauenbewegung haben wir so viel Wissen erarbeitet, jetzt will ich es endlich einmal ausprobieren. Einen Bazillus will ich weitertragen."