Von Dorothea Hilgenberg

Die älteste Universität der Bundesrepublik hat gerade sechshundert Jahre hinter sich. Die jüngste deutsche Universität, gut neunhundert Kilometer weiter nördlich, hat das erste Studienjahr noch vor sich. Beide fingen klein an. Der Kreis der Lehrer und Schüler, der sich dereinst in der Heidelberger Heiliggeistkirche zur Universitas zusammenfand, mag nicht viel größer gewesen sein als die Versammlung, die in der Flensburger Nikolaischule unlängst den Beginn des ersten Semesters feierte.

Die 1386 von Pfalzgraf Rupprecht I. gegründete Universität im Süden der Republik ist heute eine der großen Staatsuniversitäten. Und wie alle öffentlichen Hochschulen drückt sie die Last staatlicher Verfügungen und Regelungen, sie leidet unter Ineffizienz und Unbeweglichkeit der Verwaltung. Ihre Studenten bekommt sie zugeteilt von einer zentralen Vergabestelle in Dortmund oder vom Immatrikulationsbüro. Damit sie aus ihren 25 000 Studenten Akademiker macht, erhält sie etwa eine halbe Milliarde Mark im Jahr. Ihre Professoren sind Staatsbeamte.

Die private Nordische Universität in Flensburg und Neumünster ist eine Hochschule in freier Trägerschaft. Sie muß Studium und Dozenten aus Spenden oder eigenen Einnahmen bezahlen. Dafür hat sie aber das Recht, sich ihre Studenten selbst auszusuchen und mit ihnen neue Wege der akademischen Bildung zu gehen. Sie verfolgt dabei ein Ideal, das an den Staatsuniversitäten keine Chance mehr hat: ein vielseitig geschulter Absolvent mit Verantwortung für Gemeinwesen und Umwelt.

„Wir brauchen Leute, die geistig absolut nicht korrumpierbar sind, die über Altruismus nicht lachen und über Idealismus nicht lächeln“, sagt der 33jährige Gründungsdekan der Wirtschaftswissenschaften, Professor Rolf Wolff, der über die Stockholmer Handelshochschule nach Flensburg gekommen ist. Da weder Abiturnoten noch Tests darüber etwas aussagen können, sucht man sich in Auswahlgesprächen die Kandidaten heraus, mit denen man später, arbeiten will.

Außer dem Abitur wird eine Lehre oder Praxiserfahrung verlangt. Ein Studium fundamentale mit Philosophie, Ethik und Geschichte soll die allgemeinbildende Basis, den „unangepaßten Typen“ (Wolff) schaffen, der auf neue Probleme unkonventionell reagiert. Zwei Semester müssen während des Hauptstudiums in einem anderen Land verbracht werden, ein „Netzwerk“ für die Kooperation mit etwa siebenhundert europäischen und amerikanischen Kollegen wird gerade aufgebaut.

Es gibt in der Bundesrepublik bisher drei private Hochschulen: Flensburg/Neumünster, die aus einem anthroposophischen Krankenhaus hervorgegangene Freie Universität Witten/Herdecke sowie die Wissenschaftliche Hochschule für Unternehmensführung in Koblenz. Sie wollen etwas anderes sein als die gigantischen, immobilen Universitätsbetriebe, an denen die Bürokratie das Sagen hat. Die Privaten werben daher mit ihrer heimeligen, lernfreundlichen Atmosphäre in der Hoffnung, den Staatsunis nicht nur Studenten, sondern auch Lehrer abspenstig zu machen.

Doch die öffentlichen Universitäten haben ein gewichtiges Argument: Der Staat sorgt immer dafür, daß ihre Kasse stimmt. Da aber fangen die Probleme der Privaten an. „Die Finanzierung ist die große Schwierigkeit, die uns noch lange beschäftigen wird“, bekannte Jürgen Westphal, ehemaliger Wirtschaftsminister von Schleswig-Holstein und Vorstandsvorsitzender des Trägervereins Nordische Universität. „Wir werden immer gerade am Rande des Defizits leben.“

Auf den Staat als soliden Geldgeber kann und will man denn auch im Norden nicht verzichten. Er ist eine der drei Säulen, auf denen das Flensburger Modell ruhen soll. Private Spenden und bezahlte Dienstleistungen sind die beiden anderen Quellen. Studiengebühren werden in Witten/Herdecke und Flensburg/Neumünster nicht erhoben.

„Ein Viertel des Fünf-Millionen-Jahresetats“, sagt Werner Kreysch, Vorstandsmitglied und Organisator der Ingenieurwissenschaften in Neumünster, „kommt durch Spenden zusammen.“ Um Großspender wird noch geworben. Die halten sich zurück, anders als in Witten, das mit seinem patientenfreundlichen Medizinstudium auf Anhieb überzeugte.

Wie Witten/Herdecke hat die Nordische Universität Gesellschaften mit beschränkter Haftung gegründet. Sie sollen helfen, die junge Alma mater zu finanzieren und an Mittel aus der staatlichen Wirtschaftsförderung zu kommen. Im Norden, wo es vor allem an Innovationsbereitschaft fehlt, unterstützen Regierung und Opposition, Stadt und Land gemeinsam den Hochschul-Neuling, das Projekt wird daher wohl kaum scheitern.

Die Landesregierung in Kiel hat bereits versprochen, wovon der Vorstandsvorsitzende des Wittener Universitätsvereins, Konrad Schily, in Nordrhein-Westfalen kaum noch zu träumen wagt: die Aufnahme in die „Bund-Länder-Gemeinschaftsaufgabe Hochschulbau“, was die öffentliche Finanzierung von Gebäuden und Grundausstattung sichern könnte. Stimmt der Wissenschaftsrat dem Bauantrag einer Universität zu, teilen sich Bund und Länder je zur Hälfte die Investition.

Konrad Schily bekam gerade eine Absage von seiner Landesregierung in Düsseldorf. Seine Universität, von Linken und Rechten vor allem wegen ihrer vorbildlichen Medizinerausbildung gleichermaßen gefeiert und von der Landesregierung in Werbeanzeigen als „mutiger Schritt in eine neue Bildungszukunft“ gepriesen, will ihren Campus in den nächsten zehn Jahren um Forschungsgebäude und Kollegienhäuser erweitern. Zu den bisherigen Fakultäten Medizin, Zahnmedizin und Wirtschaftswissenschaft werden bald Naturwissenschaft sowie Philosophie und Kulturwissensschaft kommen. Und statt heute 230 sollen 1997 rund 2100 Studenten die Hörsäle füllen. Doch die Mittel für den Ausbau fehlen – trotz großzügiger Spenden. Sie decken immerhin den sieben Millionen Mark starken Jahresetat. Für die geplanten Neubauten, die bis 1997 rund 175 Millionen Mark verschlingen werden, beantragte Schily daher, in das Hochschulverzeichnis für die „Gemeinschaftsaufgabe“ aufgenommen zu werden.

Doch die nordrhein-westfälische Wissenschaftsministerin Anke Brunn winkte ab: Der Universitätsgründer habe bei der Anerkennung seiner Hochschule vor fünf Jahren ausdrücklich auf staatliche Unterstützung verzichtet. Ohne diesen Verzicht freilich würde es die Universität gar nicht geben, denn die Gewerkschaften und Teile der SPD waren gegen eine private Hochschule in Nordrhein-Westfalen.

Im Norden wie in Nordrhein-Westfalen wird allerdings auf die Beispiele anderer privater Hochschulen verwiesen: So werden die kirchlichen Fachhochschulen in Nordrhein-Westfalen und die Bochumer Bergbau-Fachhochschule zu 95 Prozent vom Staat finanziert. Für Schily gibt es dafür zwei Erklärungen: „Ideologie oder Geldprobleme.“ Vielleicht gilt beides. Wo die staatlichen Universitäten über zusammengestrichene Budgets klagen, will sich die Regierung nicht nachsagen lassen, eine kleine, private Einrichtung zu begünstigen, die damit wirbt, besser zu sein als die anderen.

Die ebenfalls private Wissenschaftliche Hochschule für Unternehmensführung in Koblenz will dagegen ohne den Staat auskommen. „Wir haben ausdrücklich auf staatliche Mittel verzichtet“, versichert Geschäftsführer Jürgen Büring. „Wir haben das nicht nötig und glauben, daß das für uns ein Markenzeichen ist.“ Koblenz hat als einzigen Studiengang die Betriebswirtschaftslehre und inzwischen auch auf die Bezeichnung Universität verzichtet. Auch in die „Gemeinschaftsaufgabe Hochschulbau“ wollen die Koblenzer nicht. Kein Wunder, denn die von der Industrie und Handelskammer als Gegenmodell zur Staatsuniversität hochstilisierte Einrichtung wird im nahen Vallenda demnächst die Marienburg, ein schloßartiges Gebäude mit Park, beziehen. Die Stadt räumte günstige Bedingungen ein, und die Renovierungskosten in Höhe von sechs Millionen Mark übernimmt das Land Rheinland-Pfalz.

Wie die anderen Privaten suchte auch Koblenz eine Marktlücke: In einem Intensivstudium von maximal acht Semestern sollen hier vor allem funktionstüchtige Manager ausgebildet werden.

Der Jahresetat von zweieinhalb Millionen Mark wird durch Spenden und – zu 25 Prozent – durch die hohen Studiengebühren von fünftausend Mark pro Semester bestritten. Zwanzig Prozent der Studienplätze werden, wie vom Hochschulgesetz vorgeschrieben, als Freiplätze vergeben.

Die öffentliche Kritik entzündete sich vor allem an den Gebühren. „Unsere Klientel unterscheidet sich nicht wesentlich von der anderer Universitäten“, versichert Büring. Das aber wird in Flensburg erheblich bezweifelt.

Koblenz sollte das Gegenstück zur Staatsuniversität werden, doch unabhängig vom Staat ist die Hochschule noch lange nicht. Denn er genehmigt die Prüfungsordnungen und erteilt das Promotionsrecht. Unter den Lehrbeauftragten, die zu Vorlesungen in Privat-Hochschulen gehen, sind viele Staatsbeamte, nämlich Professoren an Staatsuniversitäten. Immerhin: Einige von ihnen wechseln ganz hinüber, weil sie die Chance für eine Reform sehen, über die an der öffentlichen Universität bisher nur geredet wurde.

Einer kam mit einem Rückfahrschein: Der Bonner Betriebswirtschaftler Professor Horst Albach ließ sich für drei Jahre von seiner Universität beurlauben, um an der von ihm protegierten Hochschule in Koblenz zu lehren.