Von Benjamin Henrichs

Wenn ein Engel in die Hölle kommt – dann könnte das die Rettung sein oder das Ende der Dinge.

Wir schauen in die Unterwelt eines riesigen Ozeandampfers. Der Maschinenraum. Kohlenstaub hängt wie schwarzer Nebel in der Luft, es ist fast völlig dunkel, nur drei klägliche Glühbirnen geben wenig trübes Licht. Unwirklich breit und abschüssig ist der Raum, drückend niedrig. Und finstere Wesen bevölkern die Finsternis: ungefähr fünfzehn wilde, halbnackte Gesellen, in den Händen riesige Kohlenschaufeln, die Leiber und Gesichter vom Ruß geschwärzt, im Schweiße glänzend.

Auf das Kommando ihres Vorarbeiters beginnen sie ihre Arbeit. Aber ist es denn wirklich eine Arbeit? Oder beginnen die schwarzen Männer ein geheimes Stammesritual? Beinahe ein Tanz ist ihre Sklavenarbeit, fast eine Trance – auf ein neues Kommando stoßen sie alle mit ihren Kohlenschaufeln fünfzehn riesige Bullaugen, fünfzehn kreisrunde Feuerlöcher auf. Glutheller Schein fällt nun in die Höhle, wir hören das Keuchen der Männer, das Prasseln der Kohlen in den Flammen, das Stampfen der Schiffsturbinen.

Längst ist der Vorarbeiter zum Vorsänger geworden; wie von Sinnen feuert er seine Mitkämpfer an, jongliert mit der schweren Kohlenschaufel wie ein Artist, wie ein Dirigent; sein Schreien wird ein berauschtes Brüllen.

Genau in derselben Sekunde, da im Unterleib des Schiffes das Feuer ausbricht, die Hölle losgeht, beginnt in schwindelnder Höhe ein neues Mysterium. Ein bleiches Fräulein, im weißen, kostbaren Cocktail-Kleid, will hinab zu den Unterirdischen. Während die Männer unten, zunehmend erregt und bacchantisch, das Feuer füttern, sehen wir den langen, mühevollen Abstieg der zierlichen Dame. Die Treppen sind steil, das Abenteuer könnte ihr den Hals brechen. Aber es kommt schlimmer.

Denn als sie endlich den tosenden Feuerkeller erreicht hat, sieht sie, was sie wohl sehen wollte und was doch ganz anders ist, als es ihre Jungfernphantasien ihr vorgegaukelt haben. Sie sieht den Mann.