Von Hans-Joachim Müller

Vor zehn Jahren waren sie schon einmal vom Montmartre weg ins schwäbische Tübingen engagiert worden. Die knitterfreien Pariser Yuppies aus den Achtzigern des vorigen Jahrhunderts. La Torpille – der Zitterrochen, Nana-La-Sauterelle – die Heuschrecke, La Goulue – die Gefräßige oder Grille d’Egout – das Kanalgitter. Großer Auftritt für die Tagediebe und Nachtschwärmer, Paradiesvögel und Habitués aus den Salons und Etablissements zwischen „Elysee“ und „Moulin Rouge“. Valentin zum Beispiel, stadtbekanntes Schmidtchen Schleicher, oder Yvette Gullbert mit den flauschigen Dessous-Massen unter der Berufskleidung, und Aristide Bruant, der mit unerhörtem Tremolo von gefallenen Mädchen sang und ihrem schaurigen Ende in der Besserungsanstalt St. Lazare. Alle miteinander unsterblich gemacht vom zwergenhaften Henri de Toulouse-Lautrec aus dem südfranzösischen Albi. Als der Aristokratensprößling erkennen mußte, daß seine schwächliche Konstitution zu einer standesgemäß exzentrischen Feudalexistenz nicht hinreichen würde, hatte er sich ohne verletzende Emanzipationskämpfe mit der Familie für eine nicht weniger exzentrische Teilnahme an den Lustbarkeiten der Fin-de-siècle-Gesellschaft entschieden. Und als Mitgift in das Zweckbündnis mit der republikanischen Décadence einen rasch auffälligen zeichnerischen Scharfsinn eingebracht.

Von allen Bauzäunen, hinter denen der Baron Haussmann die Stadt hatte verschwinden lassen, leuchteten Lautrecs schwarz-gelb-rot-blaue Plakate. Und die Presse verteilte gute Noten: „Tausend Teufel“, war sogar in einem Anarachistenblatt zu lesen, „ist der unverschämt, dieser Lautrec. Er ziert sich nicht, weder was seine Zeichnung, noch was seine Farben angeht. Einen wie ihn gibt es nicht noch mal, der so treffend wie er die Fratzen der vertrottelten Kapitalisten wiedergibt, die an Tischen sitzen, in Gesellschaft von Hürchen, die ihnen die Fresse lecken, um sie scharf zu machen.“

Derart gekürt und dekoriert ist Henri de Toulouse-Lautrec in die populäre Kunstgeschichte eingegangen. Als intelligent feinnerviger, aber ebenso liebenswürdig eleganter Chronist seiner Epoche, dessen ewig junge Sittenbilder noch hundert Jahre später in jede Boutique ein Quentchen milder Verruchtheit bringen sollen.

Jetzt ist er wieder einmal eingekehrt in die Tübinger Kunsthalle. In ein Ausstellungshaus, das unter Götz Adrianis Leitung zu einer ersten Adresse für die Schwellenkunst der Moderne geworden ist. Nach Cézanne, Degas, Picasso nun noch einmal Toulouse-Lautrec. Gemälde und Bildstudien diesmal, keine Plakatentwürfe und Graphik wie 1976. Und wie anders ist die Stimmung jetzt! Das Rampenlicht ist ausgeschaltet, die Stars haben sich abgeschminkt, die gefeierten Polierer am Glanzlack des selbstverliebten bürgerlichen Hedonismus geben sich unerwartet privat. Jane Avril, die Ballerina der Quadrille-Orgien, deren Beine nach fachkundigem Urteil sich wie „Orchideen im Delirium“ bewegt haben sollen, kehrt uns den Rücken zu. Und Aristide Bruant, der uns mit schwarzem Paletot und diabolisch rotem Schal in Erinnerung ist, sitzt – wahrhaftig – auf dem Fahrrad.

Ein verwandelter Toulouse-Lautrec, ein intimer Zeichner und Maler, der das nachgelassene Bild vom „Öffentlichen“ Graphiker ganz entscheidend komplettiert.

Eine Ausstellung – wieder reich bestückt vor allem aus den Beständen des Lautrec-Museums in Albi, aber auch mit Leihgaben aus öffentlichen und privaten Sammlungen in Budapest, Kopenhagen, London oder New York. Rund 130 meist auf Karten gemalte Ölskizzen und bildhaft ausgeführte Arbeiten, die den Ruhm eines Künstlers neu begründen, der vielleicht zu eng und ausschließlich als würdiger Nachfahre eines Honoré Daumier gilt, jenes angriffigen Gesellschaftsreporters aus dem zweiten Kaiserreich.